Der Fall Ulrike Guérot markiert eine Zäsur in der bundesdeutschen Rechtsgeschichte. Die renommierte Politikwissenschaftlerin wurde von der Universität Bonn gekündigt – offiziell wegen angeblicher Plagiate, doch der Verdacht politischer Motivation wiegt schwer. Im Gespräch mit Patrik Baab erklärt die
Wissenschaftlerin, warum ihr Fall weit über ihre Person hinausgeht. (youtube) #patrikbaab #ulrikeguerrot #unibonn
https://www.youtube.com/watch?v=3xqyIinIhd4

Die Wehrlosmacher

Indizien für die gegenwärtige Irrelevanz der Linken

An analytischer Schärfe und Intelligenz fehlt es schon länger. Aber noch mehr fehlt es an der daraus zu folgernden strategischen, bündnis- und organisationspolitischen Intelligenz. Die ist der anstrengendste Teil und wird auch von den kritischsten Geistern gemieden, als wenn sie Angst haben, sich damit zu infizieren. Drei tagesaktuelle Beispiele.

Das Onlineportal Jacobin gibt es nun schon seit einiger Zeit deutschsprachig. Es ist eine Gründung der US-amerikanischen Linken, derer, die sich dort als Democratic Socialists verstehen, und an die sich die deutsche Partei Die Linke anzudocken versucht. Nicht abwegig, finde ich. Dort erschien dieser Tage ein wichtiger Text von Vivek Chibber unter dem Aufmacher Die Parteifrage – Die Wirkungslosigkeit der heutigen Linken ist kein Zufall, sondern Ergebnis ihrer Organisationsstruktur. Will sie neue Stärke aufbauen, muss sie diese von Grund auf ändern.” Eine der wichtigen Strategiefragen unserer Zeit, dachte ich, und begann zu lesen. Um dann nach der Frage “Was ist also passiert?” vor dieser Wand zu landen: “Dieser Artikel ist nur mit Abo zugänglich. Logge Dich ein oder bestelle ein Abo.” Verarschter kann mann sich nicht fühlen. Die wollen nicht gewinnen, war das Resultat meiner Lektüre.

Bei overton, bei allem persönlichen Respekt für Florian Rötzer nach meinem Gefühl immer wieder inhaltlich grenzwertig und mit einem merkwürdigen Überhang an BSW-Sympathien, die gelegentlich schmerzfrei ins AfD-Spektrum übergehen (so deren eigene Online-Leser*innen-Umfragen), lese ich von dem Journalisten Patrik Baab, dem zweifellos in seiner Laufbahn mehrfach übel mitgespielt wurde: Deutschland – Quo Vadis? – Ein Nachruf in 12 Thesen – oder der Absturz eines Auslauf-Modells.” Oje, ja schlimmschlimm. Und jetzt? Was tun?

Mehrere Minuten mitgehen konnte ich den Gedanken von Andreas Buderus/Junge Welt:Kapitalismus: Reale Barbarei – Warum es keine Reorganisation des Kapitalismus gibt – und was droht, wenn wir das nicht zur Kenntnis nehmen. Eine Positionsbestimmung”. Endlich mal der Versuch einer materialistischen Analyse, dachte ich über längere Passagen. Doch gegen Ende entpuppt sich das Opus als folgenlose Bescheidwisserei. Reformist*inn*en sind doof und auf dem falschen Danpfer. Richtig liegen nur die durchblickenden Revolutionär*inn*e*n. Und weil die in den mächtigen kapitalistischen Kernländern nur eine irrelevante Minderheit sind – und unbedingt bleiben wollen – gilt es geduldig zu warten, bis die ausgebeuteten Massen irgendwoanders auf der Welt den Entschluss fassen, die wahre Revolution zu beginnen. Das ist, mit Verlaub, hier weit besser erklärt. Und selbstverständlich wird die Junge Welt das in einigen Tagen in einem paywallbewehrten Archiv verschwinden lassen. Damit die Massen so doof bleiben, wie sie sind. Alles Andere wäre ja mit (politischer) Arbeit verbunden.

(Materialistische) Dialektik, wo bist du?

Es gibt Ansätze in einzelnen Gewerkschaftsteilen, das Gegenwarts-Proletariat zu identifizieren und zu organisieren. In den Sätzen des Bescheidwissers Buderus: “Laut der Internationalen Arbeitsorganisation (International Labour Organization, ILO) sind weltweit über 1,8 Milliarden Menschen in abhängiger Lohnarbeit; hinzu kommen rund zwei Milliarden im informellen Sektor – insgesamt also weit über drei Milliarden Menschen, deren Existenz direkt auf abhängiger Beschäftigung basiert. Hinzu kommen die jeweils abhängigen Familienangehörigen. Nie zuvor in der Geschichte gab es eine derart große Klasse von Menschen, die für ihr Überleben Lohnarbeit leisten müssen. Diese Klasse ist jedoch zunehmend in prekären und rechtlosen Verhältnissen gefangen: von der massenhaften Ausweitung unsicherer Dienstleistungs- und Logistikjobs über die extrem prekäre digitale Tagelöhnerarbeit in der »Clickwork«-Ökonomie bis hin zur Identifizierung ganzer Bevölkerungen als »überschüssig«.” Das ist richtig erkannt. Und wer das ignoriert, kann politisch buchstäblich nichts gewinnen. Die Rechten wissen davon. Die sind ja nicht blöd.

Die Wehrlosmacher – Beueler-Extradienst

T-Online: Ex-NDR-Journalist löst Streit aus: Ist er ein Russland-Unterstützer oder kritischer Reporter?

Als NDR-Journalist war Patrik Baab ein wacher Beobachter. Dann reiste er zu russischen Scheinreferenden und kämpft jetzt um seinen Ruf: Wie sehr hat er sich als vermeintlicher Wahlbeobachter im Donbass einspannen lassen?
Ex-NDR-Journalist löst Streit aus: Ist er ein Russland-Unterstützer oder kritischer Reporter?

"Abstoßendes Schmierentheater": Wie ein Ex-NDR-Journalist seinen Ruf ruiniert

Als NDR-Journalist war Patrik Baab ein wacher Beobachter. Dann reiste er zu russischen Scheinreferenden und kämpft jetzt um seinen Ruf: Wie sehr hat er sich als vermeintlicher Wahlbeobachter im Donbass einspannen lassen?

www.t-online.de

Schon jetzt

Künstliche Idiotie (KI) im embryonalen Stadium verursacht schon Indifferenz und Orientierungsdefizit / Best of 1. April ohne “Scherze”
Wenn Sie mehr über Misogynie von Linken erfahren wollen, belustigen Sie sich an diesem “Aprilscherz” der nachdenkseiten. Hier bleiben Sie unbehelligt. Am 30.3. zeigte ich mich desorientiert […]

https://extradienst.net/2023/04/02/schon-jetzt/

Schon jetzt

Künstliche Idiotie (KI) im embryonalen Stadium verursacht schon Indifferenz und Orientierungsdefizit / Best of 1. April ohne Scherze Wenn Sie mehr über Misogynie von Linken erfahren wollen, belustigen Sie sich an diesem Aprilscherz der nachdenkseiten. Hier bleiben Sie unbehelligt. Am 30.3.

Beueler-Extradienst

Mediendiät nach Verengung der Räume

Best of 24. Januar 2023

Kürzlich sprach Leser Gerhard Esdar ein Generationenproblem an. Ich misstraue dem Generationenbegriff. Er berührt ein reales Symptom, erklärt es aber nicht. Ich erwische mich selbst dabei, vermehrt Medienquellen abzustellen: alte Standards wie DLF-Nachrichten oder Tagesschau. Dort macht sich das hier breit: Journalismus im Befeuerungsmodus: ‘Zeitenwende’ ohne Zögern? – Mediale Mobilmachung: Warum die Formulierung ‘zögerliche Haltung’ in Nachrichten nichts zu suchen hat. Mit Blick auf den Ukraine-Krieg und die Position des Kanzlers wird sie dennoch eifrig genutzt.”, erklärt von Sebastian Köhler/telepolis. Ich ertrage das nicht. Ist das politisch gut oder schlecht? Weiss ich nicht. Ich weiss nur, dass es für mein Wohlbefinden besser ist. Und wem nützt es, wenn es mir schlechter geht? Auf jeden Fall den Falschen.

Eine Mehrheit der deutschen Bevölkerung wünscht keine Kriegseskalation in der Ukraine. Diese Mehrheit findet sich in der veröffentlichten Meinung (öffentliche oder private Medien, oder gar politisch relevante Parteien) nicht wieder. Viele dieser Mehrheit sind Teil der “Boomer”, also nicht mehr so jung wie in den 80ern, als sie noch wütend demonstriert haben (und die Grünen gründeten). Sie kannten den (Vietnam-)Krieg aus dem Fernsehen, und die Weltkriege aus den Erzählungen von Eltern und Grosseltern.

Und dann machten sie einen schwerwiegenden Fehler, massenhaft.

Weil sie sich von Eltern und Grosseltern so genervt fühlten, haben sie ihre Kinder nicht genauso genervt, sondern damit in Ruhe gelassen. Aus egoistischen Motiven: weil sie von ihnen geliebt werden wollten, als gleichberechtigte (und so der Traum: nie alternde) “Kumpel” akzeptiert. Das ist gründlich schief gegangen. “Die Jugend” ist undankbar, klebt sich auf Strassen, hasst “uns” für unsere Klimavernichtung – alles (Wichtige) mal wieder falsch gemacht. Jetzt wissen die Kinder mehr übers Klima als “wir” – aber leider (fast) nichts über Krieg (ausser aus den Ballerspielen am PC).

Und “der Politik” können sie mit einigem Recht nichts abgewinnen. Nur die Dümmsten unter den Jungen versuchen dort Karriere zu machen (was auch prompt klappt). Die Mehrheit hasst schmutziges Geschäft. Aus gutem Grund. Hier finden sich nun die Jungen und die Alten wieder zusammen. Nur gedanklich, überhaupt nicht organisationspolitisch. Das führt dann zu den heute bekannten Wahlbeteiligungen: die grösste Fraktion ist immer die, die nicht hingeht.

Nun bietet sich das an, was in den frühen 80ern klappte – unser Autor Andreas Zumach war seinerzeit führend daran beteiligt: ein Bündnis der Friedens- und der Umwelt-, heute Klimabewegung. Es braucht einen Plan für Druck auf die Medien- und Parteienwelt (sehenswertes Video von “Panorama 3”, 8 min), für ein eigenes Solidaritätsverständnis, für Internationalität weit über Europa hinaus. Und für Unabhängigkeit von geostrategischen Interessen von Staaten, Regierungen und Parteien. Dass das möglich ist, ist historisch bewiesen. Ebenso, was für eine harte, langwierige Arbeit das ist.

Machen Sie mit? Dann lesen sie hier mal schön weiter:

Stefan Reinecke/taz: Mehr Waffen – und dann? – Bei der militärischen Unterstützung der Ukraine scheint nur eine Devise zu gelten: immer mehr. Dabei braucht es auch Debatten über Ausstiegsszenarien.”

Florian Rötzer/overton: Was bezweckt der Druck auf Deutschland und die Lieferung von Leopard-Panzern? – Man will uns weismachen, dass es um Moral und Hilfe für die Ukraine geht, im Hintergrund gibt es zumindest auch militärisch-wirtschaftliche Interessen.”

Leser Peter Kramer sandte mir das hier, ich sah es staunend mit offenem Mund: “Da hat jemand eine echte Fleißarbeit zum Thema “Rüstungslobbyismus” geschrieben. Und das in einem Anzeigenblatt! Aus Düsseldorf! Heimat von Rheinmetall!. Den Begriff “Qualitätsmedien” muss man wohl neu fassen.” So weit Leser und Freund Peter. Eine 2-Minuten-Recherche meinerseits ergab nun, dass der Autor gar kein Düsseldorfer ist, Kölner*innen sich also wieder hinlegen können. Autor Wilhelm Neurohr lebt in Haltern und hat lange für den Kreis Recklinghausen, in dem auch meine Gladbecker Schule liegt, gearbeitet. Und ist, s.o., bereits über 70.

Dass sich “die Politik” des “Themas Einsamkeit” zu bemächtigen versucht, ist an sich schon ein Offenbarungseid. Die Erfahrung lehrt: das hilft den Bemächtiger*inne*n in ihrer PR-Arbeit, den Leidenden dagegen nicht wirklich. Am wenigsten, wenn wie im UK sogar ein “Ministerium” dafür geschaffen wird (mit wie vielen Planstellen im teuren London?). Hans Otto Rößer/Junge Welt nimmt dazu die gierige Ratgeberliteratur auseinander: Leben im Kapitalismus: Ungesellige Geselligkeit – Soziale Isolation und Einsamkeit zwischen Schicksal und Politik” (dieser Beitrag verschwindet wg. der kaum minder gierigen Verlagsgesellschaft in einigen Tagen in einem Paywall-Archiv).

Ein weiteres Indiz für die hierzulande vorherrschende paranoide Diskursverengung, von dem ich befürchte, dass es sich pandemisch flächendeckend ausbreitet: Thomas Moser/overton: ‘Gefahr in Verzug’ – Wer den deutschen Kriegskurs in der Ukraine nicht bedingungslos mitträgt, wird zum Feind erklärt – Der Umgang mit dem NDR-Reporter Patrik Baab durch Hochschulen und Medien zeigt, wie tief gespalten das Land ist und wie rücksichtslos es zugeht, wenn sich ein militarisierter Nationalismus breitmacht.”

Das Beste aus der FR

Micha Brumlik schrieb eine tolle Rezension des hier schon erwähnten jüngsten Buches von Ulrike Heider: ‘Die grausame Lust’ – Wer nicht hören muss, will fühlen – Lehrreich und unerfreulich: Ulrike Heider deutet in ihrer pointierten Studie ‘Die grausame Lust’ den Sadomasochismus als Teil einer kapitalistischen Unkultur.”

Mediathekperle “Deadlines”

Hatten Sie die erste Staffel von “Deadlines” gesehen? Ich: ja. Wenn nein, holen Sie es nach. Tolle “unverbrauchte” Schauspielerinnen (eine aus Bonn), ernste Themen aber nicht humorlos, zügig erzählt und inszeniert. Im Februar gibts eine Fortsetzung. Teasertext des ZDF: “Mit 30 Jahren hört der Spaß auf! – Gibt es ‘Deadlines’ für Kinder, Karriere und Kapitalismus? Die vier Freundinnen in der Comedy-Serie fühlen sich nach jahrelanger Unbeschwertheit nun mit gesellschaftlichen Erwartungen konfrontiert.”

Das Letzte: Kennen Sie den Malteserorden?

Ich weiss allenfalls, dass die Krankenhäuser und Rettungswagen mit Blaulicht haben. Aber hiervon habe ich noch nie gehört oder gelesen. Eine fremde Welt. Wissen Sie davon? Können Sie was davon politisch und gesellschaftlich erklären? (der Link wird in einigen Tagen in einer Paywall verschwinden).

Mediendiät nach Verengung der Räume

Best of 24. Januar 2023 Kürzlich sprach Leser Gerhard Esdar ein Generationenproblem an. Ich misstraue dem Generationenbegriff. Er berührt ein reales Symptom, erklärt es aber nicht.

Beueler-Extradienst