Illustraties bij een gedicht 2026 50Ă40 cm pigment, inkt op papier
ERINNERUNGEN VON ANDERN
1
Ich will nur Erinnerungen schreiben,
Erinnerungen von andern.
Die eignen, die innersten
hinterlasse ich
wiederum einem andern â
wann immer es ihn gelĂŒsten mag.
Ich will die Erinnerungen Adams schreiben,
als Eva
die Frau, die Einzige in Eden war
und er â der Mann, der Einzige fĂŒr beide.
WuĂte sie damals schon von Eifersucht?
War da jemand, der ihren Neid erweckte?
Ich will die Erinnerungen Hiobs schreiben
und offenbare
seinen schrecklichen Fluch,
den er niemals fluchte.
Bis zu Erinnerungen Lejwiks,
der in seinem ersten Traum ersah
-so erzÀhlte er in Tel-Aviv -:
Die Erde â eine Feuerkugel,
und er â aus Feuer geboren.
Doch weh, der Hammer fiel ihm aus der Hand,
als er seinen Traum schmiedete.
2
Ich sag zu den Erinnerungen anderer:
Seid die meinen,
aus Zeit gewebt wie Seide der Seidenraupen.
Ich lege
mein Ohr an einen Stein,
Ohr an Ohr:
AuĂer dem Vorhandnen ist auch das ganze Nichts
nicht vorhanden.
Taucht auf aus dem Gewesenen,
taucht auf aus dem Einst,
ich will euch malen,
schildern
wie keiner, wie keiner,
solang meine Finger
Soldaten sind auf dem Schlachtfeld.
LaĂt die Stummen lĂ€rmen,
laĂt StĂŒrme mit Steinen werfen:
Ich will euch malen,
schildern
wie keiner, wie keiner.
3
Mit aufgerollten Ărmeln und eisernen Muskeln
hobst du dein Leben hinauf, um sein Gewicht zu kennen.
Mag sein, die eisernen Wogen, die Muskeln,
hÀtten mit dieser Kraft
zehn Leben heben können. Doch die eisernen Wogen
hoben dein Leben und hoben zugleich den Feind.
Und seltsam:
An deine FĂŒsse an die Luft gekettet,
blieb die Erdkugel hÀngen und konnte nicht
den Strick zerreiĂen, auf dem du
zuvor noch Hemden getrocknet hast.
Und ich dachte:
Woher so mir nichts, dir nichts in meiner Kammer
jÀh ein Maler erschien, wer hat ihn gebeten?
Und mit einem Blau, nie gesehn in Museen,
bemalte er die straffe Leinwand deines Gesichts
und hinterlieĂ dem Spiegel sein LĂ€cheln
als VermĂ€chtnisâŠ
4
Man gibt nicht dem Geber
das Geschenk, das Menschen Seele nennen,
und auch nicht ihm, ihrem Herrn,
wenn die Erdschollen auf ihn fallen
und schwarze Stern-WĂŒrmer es sich beizeiten
beim königlichen Festmahl schmecken lassen;
dann
gehört sie dir allein,
so allein wie sie selber
gegurrt hat in mir alleinig,
weil wissen weiĂ ich: eine ist dir wenig.
5
Wer seid ihr, lebendiger Staub?
Euch sehn und hören â welche Ehre!
Aus dem Staub erscheinen
eine Hand, eine zuckende Wimper.
Euch sehn und hören â welche Ehre!
Erinnerungen von dem und jenem
glĂŒhn jetzt in meinen SchlĂ€fen.
Uralte Weite, sogar der Hölle.
Erinnerungen von Nichtvorhandenen
glĂŒhn jetzt in meinen SchlĂ€fen.
Statt ewig zu verstummen,
worteln sie in mir und peinigen
und hinterlassen auf meinem Gaumen
einen seltsamen Weingeschmack.
Sie worteln in mir und peinigen.
6
Atome liegen unter weissen LeintĂŒchern
mit Herzattacken.
Mein Gehör, gestimmt von hier bis drĂŒben,
und laufende Lichtjahre immer weiter.
Ein Wunder kann geschehn:
Die letzte Saite meines Gehörs
wird bald zerspringen.
Inzwischen ist noch die letzte Saite göttlich gespannt
und horcht, wie Sonnensysteme unter weiĂen LeintĂŒchern
zittern.
Atome ringen mit Herzattacken,
und keiner weiss: wer wird siegen.
Neugieriger, heb nicht das Leintuch auf,
Atome schreiben hastige Testamente auf LeinwÀnde,
aufgespannt ĂŒber ihren Köpfen.
Du muĂt die Schrift nur lesen können. Ein Blitz im Wald,
mit Nacht durchwurzelt, ist nicht leichter
zu lesen, zu begreifen.
Ein Lehrer mit dem Zeigestock schwebt im weiĂen All.
Und wenn kein Unterschied bleibt zwischen Tod und Leben,
und kein Unterschied zwischen Prinzen und Hunden,
wÀchst Ruhe und Friede hier auf unsrer guten Erde
und in seinen besseren
planetarischen Provinzen.
7
Ein FrĂŒhlingsregen sagt mir: Ich bereue,
ich will die Edelsteine zurĂŒck, die ich weggeschenkt habe
an ein gemeines Geschöpf, ein schmutziges,
einen Mörder auf seinen Irrwegen.
Ich will den Regenbogen wiederhaben, will ihn neu bekleiden,
das erste Auge soll ihn sehen und sich erinnern.
Und die Sonne soll auf meinen Saiten zimbeln
fĂŒr alle, die jetzt sonnig-rebellisch geboren werden.
8
WeintraubenbĂŒndel im Garten sind Erinnerungen
von andern, oft nur fĂŒr mich mit Wein gefĂŒllt.
Ich hatte einen einzigen Mund. Jetzt bin ich voller MĂŒnder.
MĂŒnder sind meine HĂ€nde, meine Adern, meine Gedanken.
WeintraubenbĂŒndel im Garten. Feurige MĂŒnder
trinken die Erinnerungen, die man lange vergaĂ.
Ich bin der Erbe der WeintraubenbĂŒndel im Garten,
der weingefĂŒllten, Wein allein fĂŒr mich.
9
Ăxte in der Luft verschneiden den Sonnenuntergangs-Adler,
doch Ăxte können nicht meine Worte verschneiden.
Mein Königreich ersteht lebendig aus einem Garten
und einer Frucht, die mein Schöpfer
einst gesegnet hat.
Mein Königreich ersteht lebendig. Und ich,
zwischen meinen Erinnerungen
von andern,
zwischen hingemetzelten KlÀngen und ihrer Familie.
Ich selbst bin mein Volk und trage mich auf den Schultern.
Beginnen wir eine wiedergeborene Stille
zu Ehren einer Sprache und ihrer fÀchelnden WÀrme.
Zwischen meinen Erinnerungen
von andern,
zwischen hingemetzelten KlÀngen und ihrer Familie.
1987
Abraham Sutzkever
Vertaling Hubert Witt
https://canandanann.vivaldi.net/2026/02/16/erinnerungen-von-andern/
#AbrahamSutzkever #ERINNERUNGENVONANDERN #gedicht #herinneringen #Lyrik #oorlog #verleden