Ă, ĂŸ und ein paar islĂ€ndische Geschichten
Als Island- und Krimifans lesen in diesem Haushalt alle gerne die BĂŒcher von Arnaldur Indriðason. Ein Grund der Bewunderung fĂŒr mich ist, dass er wie Stieg Larsson vorfĂŒhrt, wie man den Niederungen des Journalismus durch Krimiautorwerdung entfleucht.
[caption id=ââ align=âaligncenterâ width=â520âł] Auf dem Weg zum nĂ€chsten Abenteuer.[/caption]
Wie jeder gute Krimi sind die Werke von Indriðason untrennbar mit ihren SchauplĂ€tzen verbunden. Sie spielen, wie man an dem seltsamen, d-Ă€hnlichen KringelÂč im Namen des Autors schon erahnt, in Island und handeln weniger von Ponys und von Papageitauchern, als vielmehr von Leuten, die im Herbstnebel auf Nimmerwiedersehen verschwinden.
Nach vielen Jahren brechen exzessive Familiengeheimnisse auf, sodass Indriðasons Geschichten hĂ€ufig mit RĂŒckblenden arbeiten â weil das Unheil schon vor vielen Jahren geschah und erst dann ans Tageslicht kommt, wenn die Gletscher besonders stark schmelzen. Die Hauptfigur in Indriðasons BĂŒchern ist Erlendur, der Kommissar mit den traurigen Augen. Neben dem klassischen Ermittlerroman gibt es mit Gletschergrab aber auch einen eigentlichen Thriller, bei dem die beiden Protagonisten einem Geheimnis durch halb Europa hinterherjagen, und der, genauso wie Ian Fleming in James Bonds Diamantenfieber, den Showdown auf einem Schiff inszeniert.
Ăingvellir
Indriðason fĂŒhrt einen an SchauplĂ€tze, die man als Tourist kennt. In KĂ€lteschlaf zum Beispiel nach Ăingvellir (noch so ein seltsames islĂ€ndisches Zeichen). In Nordermoor bringt er auch aktuelle Themen wie die Datenbank von Decode Genetics aufs Tapet. Indriðason lese ich drum gerne, ebenso wie Ărni ThĂłrarinsson, der nicht ganz so humorlos ist wie Indriðason, und der in Todesgott seinen Helden von ReykjavĂk nach Akureyri zwangsversetzt.
Nachdem wir in unseren letzten Ferien auch mal da waren, kann ich mir ausmalen, dass das doch ein bisschen aufs GemĂŒt schlĂ€gt. (Obwohl der einheimische ReisefĂŒhrer nicht mĂŒde wurde zu betonen, dass die im SĂŒden ja so gar keine Ahnung hĂ€tten. Und wer braucht schon die blaue Lagune, wenn man das Jarðböðin-Naturbad hat?! Der Betreiber des Bads war sein Cousin, glaube ich. Ich kann mich aber auch tĂ€uschen).
Und wenn ich noch einen Namen in die Runde werfen darf, bevor ich endlich aufs Thema komme: Michael Ridpath ist zwar kein IslĂ€nder, lĂ€sst seine Romane aber trotzdem dort spielen. Und die Mischung zwischen islĂ€ndischem Schauplatz und angelsĂ€chsischem ImpactEinfluss ergibt eine leichtfĂŒssige LektĂŒre. Meltwater ist hier die Empfehlung.
Ăjóðminjasafn Ăslands
Das neueste Werk von Indriðason jedenfalls hat mich hellhörig gemacht. Es verwendet das Match des Jahrhunderts als Motiv: Die Schachweltmeisterschaft von 1972 zwischen Boris Spasski und Bobby Fischer. Ich wĂŒrde an dieser Stelle jetzt gern behaupten, dass Indriðason durch meine Verschwörungstheorie der Woche auf dieses Thema gekommen ist. Das wĂŒrdet ihr mir aber vermutlich nicht abkaufen.
Und es ist bekanntlich so, dass zwei Dinge, die vernĂŒnftigerweise nicht Korrelation stehen können, hĂ€ufig durch eine gemeinsame Ursache verbunden sind. Anzunehmen ist denn auch, dass wir beide die gleiche Ausstellung im islĂ€ndischen Nationalmuseum gesehen haben, die dort vom 3. MĂ€rz 2012 bis zum 31. Januar 2013 zu sehen war und das Match dokumentierte. Es dient in Duell als Rahmenhandlung fĂŒr den Mord in einem Kino in ReykjavĂk, in dem ein Jugendlicher erstochen wird (und nicht erschlagen, wie es im Pressetext heisst).
Ragnar hatte die etwas seltsame Gewohnheit, die Tonspur der Filme aufzunehmen, was schon in den 70ern, noch vor der Urheberrechts-Paranoia, fĂŒr Probleme sorgen konnte. Indriðasons neuer Kommissar, Marian Briem vermutet denn auch schnell, dass auf der Aufzeichnung noch mehr als nur die Tonspur des Films drauf sein könnte.
Die Geschichte, die ich als von Walter Kreye gelesenes Hörbuch verfolgt habe, kommt wie oft bei Indriðason nur langsam in Fahrt, und es gibt auch bei diesem Titel lange RĂŒckblenden. Diese fĂŒhren in die Jugend des Kommissars. Er hat einen Vater, der ihn nicht anerkennt (und darum keinen auf -son endenden Nachnamen), und er litt in seiner Jugend unter Tuberkulose. Das fĂŒhrte ihn auf eine eigentliche Odyssee in ein Lungensanatorium, wo er seine Jugendliebe traf, die seine einzige Liebe blieb. Aber un- oder nur halb erwidert, weil damals archaische Behandlungsmethoden wie die Rippenresektion praktiziert wurden. Die dem Leben von KatrĂn eine neue Richtung gaben.
Berklaveiki
Man kann darĂŒber geteilter Meinung sein, wie wichtig das Privatleben des Kommissars sein soll und darf. Klar â Ermittler ohne jegliches Privatleben wie der selige Stephan Derrick sind heute kaum mehr vorstellbar. Das Land und die Umgebung, in der eine Kriminalgeschichte spielt, prĂ€gen nicht nur den Fall und den Verbrecher, sondern auch das Ermittlungspersonal. Das fein auszubalancieren, ist eines der KunststĂŒcke, die ein Autor leisten muss. Ich mag die Kommissare nicht, die Helden ohne Fehl und Tadel sind.
Aber allzu verkrachte Existenzen sind auch nicht glaubwĂŒrdig. Denn ohne eine einigermassen gefestigte Persönlichkeit kann man den Job nicht machen, denke ich. Bei «Duell» habe ich Marians Tuberkulose-Odyssee gern verfolgt, weil sie einfĂŒhlsam erzĂ€hlt ist und ohne Melodrama vor Augen fĂŒhrt, wie viel hĂ€rter das Leben noch vor wenigen Jahrzehnten war. Der AufhĂ€nger des Buchs, das Match des Jahrhunderts, bleibt Staffage (auch wenn es durchaus Verbindungen zu den TĂ€tern gibt).
Das fand ich schade. Aber ich nehme an, dass das mit der Menge der gesicherten Fakten zusammenhĂ€ngt, die Indriðason ĂŒber das Ereignis zusammentragen konnte. Da wollte sich Indriðason wohl nicht allzu weit auf die Ăste hinauslassen â und damit hatte er auch wieder recht.
Fazit: Kein adrenalingeschwĂ€ngerter Knaller, sondern ein ruhiges Buch mit zwei exzentrischen Schachspielern in Nebenrollen, einem unschuldigen Mordopfer, primitiver Medizin und unerfĂŒllter Liebe, und gleich zwei KriegsschauplĂ€tzen. Denn es sind der kalte Krieg und der Kabeljaukrieg, die damals in den Siebzigern die Stimmung in Island geprĂ€gt habenÂČ.
Fussnoten
1) Der Beitrag sollte ursprĂŒnglich «Ă, ĂŸ und ein paar islĂ€ndische Geschichten» heissen. Es hat sich herausgestellt, dass mein CMS mit diesen islĂ€ndischen Buchstaben seine liebe MĂŒhe beweist. Schade â aber da die islĂ€ndische Literatur nicht mein Hauptthema ist, mĂŒsste ich damit leben können⊠(Mit dem Umstieg auf Worpress konnte dieses Problem endlich gelöst werden.) â©
2) Es gibt von Michael Ridpaths Buch mehrere Fortsetzungen, die mich allerdings vor einige Probleme gestellt haben. Siehe dazu Verlags-Idioten. â©
#MichaelRidpath