Hör!Spiel! in Wien 9.-30.3.2026

Vom 9. bis 30. März 2026 findet immer montags in der Alten Schmiede in der Wiener Schönlaterngasse das Hör!Spiel! statt. Hier das Programm zum Download (PDF).

Liebe Hörerinnen, Sie hören nun etwas, was Sie nie zuvor gehört haben oder hören konnten: Max Müller hat die Lockrufe von Moho nobilis, des Hawaii-Krausschwanz, nach vorhandenen wissenschaftlichen Dokumenten detailliert und naturgetreu rekonstruiert« – so zu hören in Wolfgang Müllers Radio-Séance der ausgestorbenen Vogelarten. Die Ohren zu öffnen für unsere Imaginationen von ›Natur‹, lädt Hör!Spiel! an zwei Abenden ein: mit Martin Leitner, Ralf Wendt, Hanne Römer und Wolfgang Müller (16.3. & 23.3.). Umgang mit Geistern pflegen auch Peter Pessl und Katia Sophia Ditzler in ihren Text-Performances und verweisen auf Reservoirs für Ideologie und Fanatismus (30.3.). Die Hörspielperformance Cyfre des Liquid Penguin Ensembles untersucht eine Leerstelle im Getriebe der Zahlen und Daten, davor widmet sich Bernhard Fetz ungehörten Registern von Ernst Jandls Stimme (9.3.).
Annalena Stabauer (Konzept und Moderation)

09.03.2026 Laut, Luise, Kopf und Zahl

18.30 Uhr: Bernhard Fetz & Frieder von Ammon:
Ernst Jandl, Biografie einer Stimme

Wer Ernst Jandl einmal gehört hat, behält ihn im Ohr. Was macht seine Stimme einprägsam – und: Was prägt eine Stimme? Im Titel Laut und Luise (1966) nannte Jandl den Vornamen seiner Mutter; »Form ist Erfahrung«, befand er 1998. Bernhard Fetz nähert sich über Ernst Jandls Stimme dem Zusammenhang von Biografie und Werkästhetik: »doing biography – im Augenblick der Artikulation von Lauten (…)«. Seine Studie fächert Bereiche wie Lautpoesie und Hörspiel auf und situiert Jandls Stimme im denkbar weiten Bezugsfeld zwischen »Gottes Stimme« und der »heruntergekommenen« Sprache Kurt Cobains.

Bernhard Fetz, *1963 Literaturwissenschaftler, Direktor des Literaturarchivs an der Österreichischen Nationalbibliothek und des Literaturmuseums; Literaturkritiker. Autor von: Ernst Jandl. Biografie einer Stimme. Wallstein Verlag
Frieder von Ammon, *1973; Prof. für Neuere Deutsche Literatur an der LMU München. Fülle des Lauts. Aufführung und Musik in der deutschsprachigen Lyrik seit 1945: Das Werk Ernst Jandls in seinen Kontexten (201).

20.00 Uhr: Liquid Penguin Ensemble: CYFRE – oder: Kopf und Zahl

Hörspielperformance mit Katharina Bihler Text/Stimme/Spielzeug, Stefan Scheib Komposition/Kontrabass/Zither/Elektronik
Dass man mit Zahlen auch dichten kann, zeigt nicht zuletzt die Konkrete Poesie. Das Liquid Penguin Ensemble widmet sich den Zahlen als Wörtern, Figuren, Symbolen. Im Zentrum steht die Null – und die Figur der Ermelinde: »Die Grundrechenart unserer Gesellschaft ist die Division, von Stundenkilometer bis Stundenlohn geht es fast immer um Leistung. Vor wenigen Jahren haben wir alle einen pandemischen Mathekurs in Exponentialrechnung absolviert und mit vereinten Kräften eine Kurve abgeflacht. Wir alle haben enorm viel geleistet. – Ermelinde leistet Gesellschaft. Sie verfügt über alle Zeit der Welt und bläst Kringel aus Pfeifenrauch aus: lauter weiße, fast durchsichtige Nullen.«

Liquid Penguin Ensemble, gegründet 1997 in Saarbrücken von der Autorin, Regisseurin und Performerin Katharina Bihler und dem Komponisten und Bassisten Stefan Scheib; Projekte zwischen Sprache, Musik und Performance in wechselnder Besetzung; Schwerpunkte auf Mehrsprachigkeit, historische Wörterbücher, Interspezies-Kommunikation. 2024 Günter-Eich-Preis für das Hörspiel-Lebenswerk.

16.03.22026 sounds like [naˈtuːɐ]

19.00 Uhr: Martin Leitner & Ralf Wendt im Gespräch über Naturklänge und Tierstimmen

Zuspielungen aus:
Martin Leitner/Bodo Hell/Georg Vogel: Natur Aufnahme – Von Ziegen, Zaunammern und Zikaden
ORF 2022 / Mandelbaum klangbuch 2023
Ralf Wendt: Popopopopopoporzananana, ORF 2025
Live-Performance

Nature Writing, Climate Fiction, Ecological Sound Art – Begriffe, die beispielhaft stehen mögen für die künstlerische Hinwendung zu ›Natur‹. Aber die Dichotomie Natur/Kultur trägt nicht länger und die Spezies Mensch wird im Zuge der Anthropozentrismuskritik als usurpatorische Art unter Arten neu betrachtet. Wie sich einer derart verflüchtigten ›Natur‹ nähern? Hat ein solches Vorhaben wieder nur den Menschen im Blick? Die Soundscapes – ›akustischen Landschaften‹ – von Ralf Wendt und Martin Leitner entstehen mittels Verdichtung und Montage und halten ein Ohr für die zugrunde liegende Technik offen. Natur Aufnahme ist ein poetisch-akustischer Stationengang durch Martin Leitners Klangarchiv. Ralf Wendt lauschte in Sumpflandschaften dem Kleinen Sumpfhuhn (Porzana parva) und nahm mit Stimme und Text den Faden auf.

Martin Leitner, 1964. Tonmeister beim ORF, intensive Beschäftigung mit Bioakustik. Projekte mit Autorinnen und Musiker*innen, mehrfach Zusammenarbeit mit Bodo Hell, u.a. für die Hörstücke Landschaft mit Verstoßung (mit F. Mayröcker, ORF 2014) und Tisenjoch (ORF 2016).
Ralf Wendt, *1963, lebt in Halle/Saale. Radioarbeiten, Texte, Performances, Installationen mit Fokus auf Mensch-Tier-Beziehungen; Projekte (u.a.): Buch der imaginären Wesen (Hörstück nach Texten von J. L. Borges; DLR 1997), Kunst für Tiere (Installation und Performance, 2011), Making Nature (seit 2021).

23.03.2026

19.00 Uhr: Hanne Römer: L U F T stück der Forscherin

ORF 2026. Ursendung: Ö1, 30.03.2026, 21.00 Uhr
Hörproben und Gespräch, Eine Kooperation mit Ö1 – Blaue Stunde

Wolfgang Müller: Séance Vocibus Avium / Islandhörspiele

Bayerischer Rundfunk 2008 bzw. 1996–99
Gespräch und Zuspielungen

Die Dichotomie Natur/Kultur trägt nicht länger und die Spezies Mensch wird als usurpatorische Art unter Arten neu betrachtet. Wie sich einer derart verflüchtigten „Natur“ nähern? Bei Hanne Römer und Wolfgang Müller geht sie als Phantom um: Von Pressluft bis Windstille forscht Hanne Römer im L U F T stück der Wirkung unterschiedlicher akustischer Dichte nach. Mal lässt sie sich von Maschinen in akustische Idyllen fahren, mal reicht sie ihren Hörer*innen Verschnaufpausen dar: »Luft als Tonträger transportiert unterschiedslos, was sich einmischt« (H. Römer). Wolfgang Müllers Arbeiten sind oftmals narrative Interventionen in kulturelle Phantasmen. Beginnend mit seinen Islandhörspielen befasste er sich mehrfach mit der Rekonstruktion von Stimmen ausgestorbener Vogelarten. Ausgangspunkt waren Beschreibungen der Vogellaute durch Naturforscher: Dass diese vor allem um sich selbst kreisen, zeigt ein ausgiebiges Sprachspiel.

Hanne Römer ist mit .aufzeichnensysteme eine Schnittstelle der Künste; Buch und Hörstück, Zeichnung und Aufzeichnung durchdringen einander; zuletzt in Buchform: Datum Peak (2024); 2026 erscheinen das Buch Luft und die .aufzeichnensysteme als Ausstellung im Literaturhaus.
Wolfgang Müller, *1957. Künstler, Autor, Musiker, »Missverständniswissenschaftler«; Teil der Gruppe Die Tödliche Doris; Kunstprojekte, Bücher, Hörspiele zu Island, u.a. Blue Tit. Das deutsch-isländische Blaumeisenbuch (1997); Das Echo ist der Zwergen Sprache (Hörspiel; 1999). Karl-Sczuka-Preis für Séance Vocibus Avium.

30.03. 2026 Sound als Séance

Peter Pessl: Dieser seltsame Salamander Selbst

Peter Pessl Text, Stimme
Sainkho Namtchylak Stimme
Michael Fischer Ad-hoc-Soundscapes an drei CD-Playern

Katia Sophia Ditzler: Lieder der Dreistigkeit

Katia Sophia Ditzler Text, Stimme, Sounds, Video, Performance

In Peter Pessls Gedichten hält eine nach innen gerichtete, traumverwandte Sprache die Außenwelt auf Distanz und ist doch Resonanzraum für das Zeitgeschehen. Geisterhafte Figuren erheben die Stimme, das Dichter-Ich stimmt ein in ein rituelles, Silben umbildendes Sprechen. Peter Pessls Radioarbeiten erweitern dieses Sprechen um trance-induzierte Lautgesten und Gesang. Erstmals ist Peter Pessl hier in einer Live-Peformance mit Sainkho Namtchylak zu hören.
Katia Sophia Ditzler evoziert eine aus den Fugen geratene Welt: Ein Ich macht seine ungesicherte Existenz zum Freiraum und probiert Haltungen wie Masken an. Jeder Text ist Teil eines von sieben Performance-Videos, in denen die Performerin vor chimärischen Kulissen Alltag, Rituale und archaische Symbolik miteinander konfrontiert.

Peter Pessl, *1963; Autor, Radiokünstler. Zuletzt: Am Bildrand ein oder zwei verwischte Mädchen (Hörstück; ORF 2023); Ah, das Gasthaus der Wilderness! Prosagedichte (2023). Mehrfach Zusammenarbeit mit Michael Fischer.
Sainkho Namtchylak, *1957 in Tuwa (Sibirien); Vokalistin, Performancekünstlerin; Weiterentwicklung der traditionellen Techniken Oberton- und Kehlkopfgesang, seit den 80er Jahren internationale Kollaborationen in den Bereichen Jazz und Experimentalmusik.
Michael Fischer, *1963; Musiker, Instant Composer; Gründung des Vienna Improvisers Orchestra; zahlreiche Projekte mit Autorinnen.
Katia Sophia Ditzler, *1992; arbeitet interdisziplinär zwischen Text, Klang, Video, Performance und digitalen Medien. Zuletzt (u.a.): Metaversum für Auserwählte (Virtual Reality/begehbares Gedicht; 2024); Fliederblüte: Wie man zwischen den Zeilen liest (dokumentarischer Video-Essay, 2025); I Think About the Roman Empire Every Day (Poesiefilm; 2025).

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„Diesen leidenschaftlichen Hörspielmachern ist kein Thema zu abseitig, keine Fragestellung zu abstrakt. Heraus kommen so filigrane wie anarchische Stücke, die sich in ihrer Fülle immer wieder neu erschließen“, lobte die Jury des Günter-Eich-Preises das Liquid Penguin Ensemble und verlieh ihm den Preis für ihr Lebenswerk.

Stefan, Scheib, Katharina Bihler (Liquid Penguin Ensemble) und Franziska Sophie Dorau. Bild: Volkmar Heinz.

Als am 7. August auf dem Mediencampus Villa Ida der Medienstiftung der Sparkasse Leipzig die österreichische Featureautorin Franziska Sophie Dorau mit dem Axel-Eggebrecht-Preis und das Liquid Penguin Ensemble mit dem Günter-Eich-Preis für ihre Gesamtwerk ausgezeichnet wurde (VIdeo hier), hätte niemand im Publikum gedacht, dass man noch würde Kopfrechnen müssen. Aber Katharina Bihler und Stefan Scheib, die gemeinsam das Liquid Penguin Ensemble bilden, spielten als Live-Hörspiel den Anfang ihres Stücks „Cyfre oder: Kopf und Zahl“ (Kritik hier) und zählten dabei auf die Beteiligung des Publikums. Stefan Scheib an Kontrabass und digitaler Elektronik begleitete Katharina Bihler an analogen Aufziehweckern und Stimme.

Das alt-französische Wort „Cyfre“ bezeichnet, anders als das deutsche Chiffre oder Ziffer, die Zahl Null. Das Stück inszeniert auf musikalischer Ebene ein mathematisches Problem, die sogenannte (3n-1)-Vermutung des Mathematikers Lothar Collatz aus dem Jahr 1937, die bisher nicht bewiesen werden konnte und die, egal von welcher Ausgangszahl, nach wiederholten Rechenschritten immer bei der Zahlenfolge 4, 2, 1 ankommt – die Null aber nie erreicht.

Diese Folge wird nun musikalisch inszeniert. Und was konzeptionell verkopft scheinen mag, wird zu einem heiteren Spiel mit Tönen und Rhythmen. Die mathematische Grundlage, auf der die Komposition entstanden ist, muss man nicht kennen, sie wird im Hörspiel auch nicht erklärt. Dennoch teilt sich ihre Regelhaftigkeit unterschwellig mit. Das ist es, was das Hörspiel kann, wenn es sich in all seinen Dimensionen ernst nimmt. Und wenn es eine Redakteurin wie Anette Kührmeyer vom Saarländischen Rundfunk gibt, die ihren Autoren solche Freiheiten lässt.

So überführt das Liquid Penguin Ensemble das Abstrakte der Zahlen in die Konkretion der Musik; wie ja auch Zählen und Erzählen eng zusammenhängen. Man denke nur an die vielen Wörter, die Zahlen eingearbeitet haben: „einfältig, zwielichtig, dreifaltig, vierschrötig …“ Überhaupt ist der Begriff der Übersetzung das heimliche Label, das man über fast alle Hörstücke, Inszenierungen, Installationen und Performances des Liquid Penguin Ensembles setzen könnte. Übersetzen, damit ist oft wörtlich das Über-setzen von einem Ufer zum anderen gemeint – beispielsweise vom Gezählten zum Erzählten. Dies sei einer der Grundantriebe des Ensembles, sagt Katharina Bihler: „Übersetzungen zu schaffen, um Verständlichkeit herzustellen – oder auch Verwirrung.“

Orte und Zeiten

Ob von einem See unter der Antarktis wie in der Klangperformance „Lake Vostock“ oder an Bord der Internationalen Raumstation (ISS) im Weltraum wie im Hörspiel „Radio Élysée – Aus Geschichte und Zukunft zweier Raumfahrernationen“. Ob an den Hängen des Stromboli wie im Hörspiel „Felicità – Akustische Vermessungen im Land des Glücks“ oder auf der Wiese vor dem sogenannten „Übersetzerturm“ des Europäischen Gerichtshofs wie im Stück „Sola, sulan, seul – Wörter reisen“ – das Liquid Pengiun Ensemble geht mit seinen Stücken an Orte, die die wenigsten Menschen zuvor im Ohr gehabt haben. Dabei machen die beiden keinen Unterschied zwischen realen und imaginären Orten – wozu auch. Im Hörspiel ist man immer da.
Doch es sind nicht nur die Orte an denen Bihler und Scheib das akustische Glück suchen, es sind auch die Zeitskalen, auf denen sie sich bewegen, um die Welt akustisch einzufangen. Und in welchem Medium könnte man das besser darstellen als in dem, das zeitbasiert eben diese Zeit mal schneller und mal langsamer vergehen lassen kann.

Gras wachsen hören

Ihren ersten Geniestreich schuf das Liquid Penguin Ensemble 2007 mit dem Stück „Gras wachsen hören – das biolingua Institut wird 100 Jahre“. Ausgehend von einer Audio-Installation, bei der Pflanzen verdrahtet wurden, um ihre elektrischen Potenziale zu messen und in Töne umzuwandeln, entwickelten sie ein Hörspiel um das fiktive „biolingua Institut“, das sich mit der Kommunikation zwischen Mensch und Pflanze beschäftigt. Die ist nicht ganz einfach, weil Pflanzen eine ganz andere Wahrnehmungsschwelle haben als Menschen. Der Mensch lässt sich ab 18 „moments per second“ eine flüssige Bewegung vormachen. Bei langsam wachsende Bäumen liegt die Rate von moments per second (mo/s) bei weit unter 1.

So sei denn auch das langsamste Orgelstück der Welt „Organ² / ASLSP“ (as slow als possible) von John Cage, das seit dem Jahr 2001 in der Buchardikirche in Halberstadt aufgeführt wird, weniger ein Musikstück, als vielmehr der Versuch, mit Urweltbäumen zu kommunizieren. Das Stück dauert mindestens bis zum Jahr 2640 – falls sich künftige Generationen nicht entschließen, eine Wiederholung zu spielen. Auf die Antwort der Bäume darf man gespannt sein. Das Stück wurde bei den ARD-Hörspieltagen sowohl mit dem Kritiker- als auch dem Publikumspreis ausgezeichnet.

Auch wenn „Gras wachsen hören“ oft mit der Gattungsbezeichnung „Mockumentary“ bezeichnet wird, war die Absicht alles andere als eine Parodie auf das dokumentarische Genre zu schaffen. Es war vielmehr der Versuch, Welten zu bauen und gleichzeitig die Realität poetisch zu überformen. Denn Realitäten kann man herstellen wie Realismus auch, sagt Katharina Bihler. Das Liquid Penguin Ensemble bespielt die Vorstellungsräume seiner Hörerschaft. Denn genauso real wie das Cage-Konzert in der Buchardikirche, bei dem zu jedem Tonwechsel alle paar Jahre die Fans pilgern, könnte man sich auch einen Besuch des biolingua Instituts am Tag der offenen Tür vorstellen.

Überflüssige Buchstaben?

Mehr noch als die Zahlen sind die Buchstaben und die Wörter Gegenstände der Stücke des Liquid Penguin Ensembles. In ihrem 2015 mit dem Hörspielpreis der Kriegsblinden ausgezeichneten Stück „Ickelsamers Alphabet – Dictionarium der zierlichen Wörter“ treffen der Grammatiker Valentinus Ickelsamer (1500 bis 1547), Autor einer „Teütsche Grammatica, daraus einer von ihm selbst mag lesen lernen“, auf seinen französischen Zeitgenossen Louis Meigret. Beide sind kurz nach Erfindung des Buchdrucks an dem Medienverbund von Schrift und gesprochener Sprache interessiert.

Ickelsamer will aus der Schrift alle jene Buchstaben eliminieren, die man nicht hört, während Meigret in seinem „Tretté de la grammere françoese“ sogar neue Buchstaben entwickelt. Allein den Laut „o“ kann man im Französischen auf mehr als ein Dutzend verschiedene Arten verschriftlichen: o, ô, ot, au, aux, auld, aulx, aut, -ult, eau, eaux, eault und eaulx.

Katharina Bihler schreibt hörend, und zwar so, dass sie sich ihre Wörter so mundgerecht vorlegt, wie es wohl niemand sonst könnte. Duktus und Satzmelodie sind zugleich von einer Weichheit und Genauigkeit, die ihresgleichen sucht. Da war es eine echte Überraschung, als in „Ickelsamers Alphabet“ aus dem Artikulationsapparat der seit Jahrzehnten in Saarbrücken lebenden Autorin, ihre mittelalemannischen Herkunft aus dem Allgäu in Form von härtestem Dialekt hervorbrach. Es ist diese Stimme von Katharina Bihler, ebenso wie die klangliche Fantasie von Stefan Scheib, die die Hörspiele des Liquid Penguin Ensembles wiedererkennbar und unverwechselbar machen.

Die dreiköpfige Jury des Günter-Eich-Preises, der Hörspieldramaturg Thomas Fritz, der ehemalige Hörspielchef des WDR Wolfgang Schiffer und die epd-medien-Redakteurin Diemut Roether lobten: „Diesen leidenschaftlichen Hörspielmachern ist kein Thema zu abseitig, keine Fragestellung zu abstrakt […]. Heraus kommen so filigrane wie anarchische Stücke, die sich in ihrer Fülle beim Wiederhören immer wieder neu erschließen. Wer sich dem Fluss ihrer Gedanken, Kompositionen und Assoziationen überlässt, wird beglückt und vielleicht selbst zu verwegenem Weiterdenken angestiftet. Auf einzigartige Weise haben sie mit ihren Werken den Horizont der Kunstform Hörspiel erweitert.“ Das nächste Hörspiel des Liquid Penguin Ensembles ist bereits in Arbeit. Es wird wieder um Wörter gehen und „Vokabelmeer“ heißen. Die Ursendung soll im Dezember sein.

Katharina Bihler und Stefan Scheib sind die zehnten Preisträger des Günter-Eich-Preises, der alle zwei Jahre vergeben wird. Bisherige Preisträger waren Alfred Behrens, Eberhard Petschinka, Hubert Wiedfeld, Jürgen Becker, Ror Wolf, Friederike Mayröcker, Andreas Ammer und FM Einheit, Paul Plamper und Ulrike Haage.

Jochen Meißner – KNA Mediendienst 09.08.2024

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https://hoerspielkritik.de/von-zahlen-buchstaben-orten-und-zeiten-das-liquid-penguin-ensemble/

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Christoph Buggert: Im Busch

SR 2 Kultur, Sonntag, 11.02.2024, 17.04 bis 18.11 Uhr.

In Christoph Buggerts Hörspiel für Stimmen, Tiere und Kontrabass ist wortwörtlich etwas „Im Busch“ – nämlich Walter, der von einem Lorbeerbusch aus auf sich und in sich hineinblickt und dabei mit seinem toten Kind spricht.

An sich könnte die Position eines unsichtbaren oder auch nur ungesehenen Beobachters eine recht bequeme sein – wenn man nicht gerade selbst Gegenstand der Beobachtung ist. Walter, der Protagonist von Christoph Buggerts 67-minütigem Hörspiel für Stimmen, Tiere und Kontrabass „Im Busch“, hat sich nämlich einen weniger komfortablen Aussichtspunkt gesucht. Es ist die blickdichte Höhle zwischen zwei immergrünen Gartenlorbeerbüschen auf dem nachbarlichen Grundstück. Gesellschaft bekommt er von den Vögeln und dem Nachbarsdackel Hilko, der sofort den Verdacht schöpft, dass da etwas im Busch ist, was da nicht hingehört.

Warum der Literaturwissenschaftler Walter (Fabian Hinrichs) sich in diese domestizierte Form der Natur zurückgezogen hat, wird schnell klar. Es ist der tote Sohn, den er zusammen mit seiner Frau, der Lehrerin Grit (Annedore Bauer) hat. Vor acht Jahren haben sie ihn während der Schwangerschaft verloren, nachdem bei dem Embryo Trisomie 21 diagnostiziert worden war. Wegen eines Hirninfarkts der Mutter stimmt Walter im Notarztwagen einer Medikamentengabe zu, die das Kind zusätzlich schädigen sollte. „Eine richtige Entscheidung war gar nicht möglich“, sagt Grit später, „aber die falsche Entscheidung hätten wir gemeinsam treffen sollen.“ Nach der Abtreibung des nicht lebensfähigen Kindes sagt sich Walter vor dem OP-Saal: „Wenn es vorbei ist, sorge ich dafür, dass es nie passiert ist.“

Das tragische Ereignis wird also beschwiegen, das Paar bekommt noch zwei gesunde Töchter. Aber mit zwingender Logik kehrt das Verdrängte in Gestalt des mittlerweile achtjährigen Sohnes (Lionel Hesse) wieder. Die Figur des namenlosen Sohnes gibt es, damit der Vater über das reden kann, worüber er sich zu schweigen auferlegt hat.

In Rückblenden wird Grits Rekonvaleszenz erzählt, die nach der halbseitigen Lähmung durch den Schlaganfall erst wieder sprechen und schreiben lernen muss. „Als die Katastrophe passiert ist, hat mein Körper entschieden, was wir nicht entscheiden konnten“, verarbeitet Grit die Tragödie, die ihr zugestoßen ist. Bei Walter ist es sein Bewusstsein, das die Entscheidung getroffen hat, den Schmerz abzuspalten und sich in den Lorbeerbusch zurückzuziehen.

Doch so unbeobachtet und sicher, wie er sich dort wähnt, ist er nicht. Offensichtlich weiß Grit die ganze Zeit, wo sich ihr Mann befindet, was im Hörspiel zu merkwürdig asynchronen „Dialogen“ führt. Die Verbindung dieser beiden zwar verklammerten, aber seit dem Schicksalsschlag nebeneinander herlaufenden Lebenswege wird im Hörspiel durch einen dritten Mitspieler vermittelt: den Kontrabass. Gezupft und gestrichen wird der von Stefan Scheib, einer Hälfte des Saarbrücker Liquid Penguin Ensembles. Die andere Hälfte des Ensembles, Katharina Bihler, hat bei „Im Busch“ Regie geführt. Der Kontrabass weint und schreit, singt und tröstet. Genau das unterscheidet einen verhörspielten von einem für das Hörspiel geschriebenen Text.

„Im Busch“ ist bereits das dritte Werk von Christoph Buggert, dass das Saarbrücker Liquid Penguin Ensemble inszeniert hat. Nach den autobiografisch grundierten Stücken „Ein Nachmittag im Museum der unvergessenen Geräusche“ (SR/MDR 2018) und „Einsteins Zunge – Aus dem Nachlass meines Bruders“ (SR/MDR 2020) ist „Im Busch“ sozusagen der dritte Teil des Spätwerks des mittlerweile 86-jährigen Buggert. Der langjährigen Leiter der Hörspielabteilung des Hessischen Rundfunks hatte 1961 sein erstes Hörspiel („Der blaue Vogel“) geschrieben, wurde 1978 für den ersten Teil seiner Trilogie des bürgerlichen Wahnsinns „Vor dem Ersticken ein Schrei“ mit dem Hörspielpreis der Kriegsblinden und 2020 für „Einsteins Zunge“ mit dem Deutschen Hörspielpreis der ARD ausgezeichnet.

Von Jochen Meißner, KNA Mediendienst 15.02.2024

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#ChristophBuggert #ImBusch #LiquidPenguinEnsemble #SR

SR Mediathek :: aktueller bericht (26.03.2026)

Die drei Top-Themen der Sendung im Überblick: Weitere Entwicklung im kommunalen Busfahrerstreik ungewiss, Umweltverbände im Saarland kritisieren Klimaschutzprogramm, Sechster Prozesstag um getöteten Polizisten.

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