Metametameta â Schulz & Böhmermann haben die Diskussion um âDie Hamburger Schuleâ verhörspielt
Christian Ihle: Diskursrockdiskurs â HamburgerSchuleGate. Eine Oral History in 7 Kapiteln
Spotify, Spezialausgabe des Podcasts âFest und Flauschigâ So, 09.06.2024
Die NDR-Doku âDie Hamburger Schuleâ von Natascha Geier sorgte in den sozialen Medien fĂŒr groĂe Aufregung.1 Christian Ihle hat die ĂuĂerungen der Beteiligten zusammengestellt und Jan Böhmermann und Olli Schulz haben sie fĂŒr eine Spezialausgabe ihres Podcasts âFest & Flauschigâ verhörspielt. Das ist gleichzeitig unterhaltsam und lustig, lehrreich und ein bisschen traurig.
Der Musiker und SĂ€nger Bernd Begemann war angepisst. Aber so richtig. Natascha Geiers zweiteilige Fernsehdoku âDie Hamburger Schuleâ ĂŒber die âvor einem Vierteljahrhundert erloschene Szeneâ (Musikjournalist Maik BrĂŒggemeyer) hat ihm so gar nicht gefallen. Er hĂ€lt in einem Facebookpost die am 24. Mai um 4.45 Uhr im linearen Fernsehen ausgestrahlte zweiteilige NDR-Doku fĂŒr âeinen von persönlicher Agenda triefenden IchIchIch-Vlogâ und ein âignorantes Ego-Gewixeâ â und legt spĂ€ter noch nach.
Daraufhin entspann sich in den sozialen Medien (vor allem auf Facebook) eine virtuelle WirtshausschlĂ€gerei. So haben sich die Zeiten vom Sozialen zum Parasozialen verĂ€ndert seit Anfang der 1990er Jahre die wohl letzte analoge Subkultur âĂŒber den Kiez in die Chartsâ zog. Der Journalist Christian Ihle hat die Kontroverse am 3. Juni in einem 60.000 Zeichen langen Longread in sieben Kapiteln fĂŒr das taz-Blog âMonarchie und Alltagâ dokumentiert. Eigentlich wĂ€re die versammelte âBeleidigteleberwurstigkeitâ (Musikjournalist Albert Koch) Stoff fĂŒr die Trash-TV-Analytikerin Anja RĂŒtzel. Es waren aber Oliver âOlliâ Schulz und Jan Böhmermann, die keine Woche spĂ€ter daraus das 77-minĂŒtige Hörspiel âDiskursrockdiskursâ als Spezialausgabe ihres Podcasts âFest & Flauschigâ auf Spotify gemacht haben â die leider nur sieben Tage online stand.2
Allein mit ihren gefilterten Stimmen tragen sie sĂ€mtliche ĂuĂerungen der mehr als 20 Beteiligten vor und man staunt, was an stimmlicher VariabilitĂ€t möglich ist, wenn man die entsprechenden Plugins zu benutzen weiĂ. Da macht es kaum etwas aus, das Schulz und Böhmermann ihren eigenen Duktus nie ganz ablegen können, weil sich schlicht nicht ĂŒber die schauspielerischen FĂ€higkeiten verfĂŒgen, sich ihren Protagonisten anzuverwandeln. Aber darum geht es auch nicht in erster Linie sondern vielmehr um eine akustische ReprĂ€sentation schriftlicher Kommunikation. Unterlegt mit dem Plastikgeklapper von Computertastaturen und elektronisches Sounddesign befinden wir uns im Raum digitaler Schrift. Nur ab und zu gibt es idyllisches Vogelgezwitscher oder drĂ€uende Pauken und auch mal den Sound einer mechanischen Schreibmaschine.
Die bespielten Metaebenen
Es ist natĂŒrlich komplett gerechtfertigt, aus einer schriftlich gefĂŒhrten Diskussion ĂŒber die Fernsehdokumentation einer Subkultur, ein Hörspiel zu machen, ohne sich den Vorwurf der Zweit-, Dritt- oder gar Viertverwertung einzufangen. Denn mehr noch als die BĂŒhnen von Karmers und Pudel hat die âHamburger Schuleâ die Metaebenen dieser Republik bespielt. Die Frage ist: Leistet das Hörspiel etwas, was Christian Ihles Dokumentation nicht leistet?
NaturgemÀà geht es um die Inszenierung von Differenzen. Im Fernsehen bekommt man durch die im warmen Licht der Nostalgie gefilmten Interviews ein GefĂŒhl dafĂŒr, wie unfassbar jung die Protagonisten damals waren, wenn man die dagegen geschnittenen Bildern aus den spĂ€ten 80er und frĂŒhen 90er Jahren sieht. Und auĂerdem sieht man, dass es möglich ist, in WĂŒrde zu altern, ohne zum Abziehbild seines frĂŒheren Ichs zu werden.
Olli Schulz (Jahrgang 1973, frĂŒher Hamburg, heute Berlin) und Jan Böhmermann (Jahrgang 1981, frĂŒher Bremen, heute Köln) kitzeln in ihrer Performance der DiskussionsbeitrĂ€ge die inhĂ€rente wie auch die unfreiwillige Komik heraus. NatĂŒrlich reduzieren sie dabei die Figuren auf ihre eigenen Klischees. Aber wo man keiner Charakterentwicklung folgen muss, wird die Aufmerksamkeit auf die Inhalte, auf die Texte und ihren Fromulierungswillen gelenkt. Letztendlich haben wir es mit einer beonderen Spielart des Dokumentarischen zu tun, bei der es einmal mehr deutlich wird, warum es sinnvoll ist, zwischen Autor und Werk zu unterscheiden.
LĂ€cherliches und Menschliches
NatĂŒrlich hat es etwas LĂ€cherliches, aber auch etwas zutiefst Menschliches, wenn einige Akteure sich beschweren, nicht ausreichend oder gar nicht fĂŒr die Fernsehdoku interviewt worden zu sein, wie sich Kerstin âKerstyâ Grether (âSpexâ) selbst eingesteht. Die Popjournalistin und Musikerin holt dann aber auch das groĂe GeschĂŒtz raus und wirft Geier vor, die von ihr und ihrer Schwester Sandra erfundene Form des Popfeminismus âunsichtbar gemachtâ hĂ€tte.
Wo Kersty Grether moniert, dass bestimmte (ihre) Positionen marginalisiert wĂŒrden oder gar âaus der Geschichte gestrichenâ, entgegnet die kluge Journalistin Rebecca Spilker,2 dass an Geiers Doku etwas festgemacht wird, âwas an anderer Stelle besser anzuleinen wĂ€reâ, und stört sich dran, dass das die (feministische) Sache kleiner mache. Denn ein GroĂteil der zweiten Folge von Natascha Geiers Doku dreht sich um die Rolle der Frauen in der âHamburger Schuleâ, von Bernadette La Hengsts Band âDie Braut haut ins Augeâ ĂŒber Rebecca âNixeâ Walshs Projekte bis hin zu den Berliner âLassie Singersâ, die der Popmusik das Wort âKörpergebirgsergriffenheitssexâ geschenkt haben, eines der schönsten Komposita deutscher Zunge. âWir haben uns auch eher als Schule fĂŒr Erwachsenenbildung aus Berlin gesehen, nicht als âHamburger Schuleââ, sagt Lassie-SĂ€ngerin Christiane Rösinger, die in der Doku leider als eine Art missgĂŒnstige Berliner Hauswartsfrau rĂŒberkommt â eine Rolle, die ihr nicht gerecht wird.
Eher erklĂ€rungsbedĂŒrftig ist, warum in der Doku zwar Dirk von Lowtzow (Totoctronic) und Frank Spilker (Die Sterne) aber weder Blumfeld-SĂ€nger Jochen Distelmeyer noch Zickzack-LabelgrĂŒnder Alfred Hilsberg zu Wort kommen. Rebecca Spilker, eine von Geiers GesprĂ€chspartnerinnen, erklĂ€rt das in einem Facebookpost (der weder in Ihles Kompilation, noch im Hörspiel vorkommt) so:
âDer ehemalige Klassensprecher dieser Schule fehlt. Er schnipste beim Melden stets mit den Fingern und eroberte nebenbei mit seiner Band âBlumfeldâ (von uns damals schmunzelnd âWieseâ genannt) die Feuilletons der Republik. Schade, dass man ihn nicht vor die Kamera locken konnte. Sicher hĂ€tte er das âDamals und Heuteâ fĂŒr uns noch einmal eloquent und abschlieĂend zusammengefasst. Frei vorgetragen. In Hexametern.â
BestÀndige Narrative der Diskurshoheit
In der âHamburger Schuleâ wurde viel geschwatzt und dazwischengeredet. Und natĂŒrlich beanspruchte jeder das, was mit dem Oxymoron âDiskurshoheitâ bezeichnet wird. Als wĂ€re der Diskurs etwas, was man fĂŒhren kann, und nicht etwas genauso Heterogenes wie die âHamburger Schuleâ selbst, zu der damals die wenigsten und heute die meisten zugerechnet werden wollen. Der Spritzer Traurigkeit, der sich in die hoch unterhaltsame und manchmal sehr komische Diskussion mischt, ist die Bereitschaft, alte Schlachten immer wieder neu zu schlagen. Begemann, dessen Stimme Schulz und Böhmermann diabolisch tief gepitcht haben, schlĂ€gt regelrecht um sich und fertigt beispielsweise âDie goldenen Zitronenâ um SĂ€nger Schorsch Kamerun folgendermaĂen ab: âDie Zitronen haben Agitprop zurĂŒckgebracht. Danke dafĂŒr. Das muss reichen.â
Auch die BestĂ€ndigkeit mit der alte (Opfer-)Narrative tradiert werden, irritiert. Dass in den 1990er Jahren der Sexismus in der Musikszene so weit verbreitet gewesen sei, konnte man in den 1990ern ĂŒber die 1970er hören und wird vermutlich in den 2040ern ĂŒber die 2020er gesagt werden. Und natĂŒrlich widerspricht das dem Postulat des 2022 verstorbenen SĂ€ngers der Band âKolossale Jugendâ Kristof Schreuf, das Rocko Schamoni zu Beginn der Doku zitiert: âEs geht nur um Genauigkeit!â Da hatte er recht.
Ein Fazit der Online-Diskussionen zieht die âSpiegelâ-Journalist Benjamin Moldenhauer: âSeit dieser wirklich sagenhaft eitlen Debatte darĂŒber, wer mit welchen SĂ€tzen in dieser âHamburger-Schuleâ-Doku aufgetreten ist und wer HERAUSGESCHNITTEN wurde [Hervorhebung im Original], muss ich immer sehr lachen, wenn ich die Musik höre. Da seht ihr, was ihr angerichtet habt.â Manchmal möchte man die Hamburger SchĂŒlerinnen und SchĂŒler einfach nur ganz fest in den Arm nehmen.
Jochen MeiĂner â KNA Mediendienst, 13.06.2024
P.S. In der regulĂ€ren âFest & Flauschigâ-Folge vom 9.6.24 â1000 Narben tiefâ (eine Anspielung auf Blumfelds spĂ€ten Schmachtfetzen â1000 TrĂ€nen tiefâ), formuliert Jan Böhmermann bei Minute 36 die steile These, dass wegen der AutoritĂ€t der Hamburger Schule einige Leute sich nie getraut hĂ€tten Kunst zu machen. In Natascha Geiers Doku war man sich noch einig, dass die âHamburger Schuleâ an dem gegenwĂ€rtigen PhĂ€nomen âdeutsche Songpoetenâ (Max Giesinger u.Ă€.) Schuld gewesen sei. Je norddeutscher die Tiefebene desto steiler die Thesen.
1 Die Reaktionen der redaktioneller Medien hat Christian Bartels RenĂ© Martens fĂŒr das Medienwatchblog âAltpapierâ (MDR) vom 30. Mai 2024 dokumentiert: âGefĂŒhlt die meistbesprochene TV-Dokumentation derzeit: âDie Hamburger Schule â Musikszene zwischen Pop und Politikâ (NDR/ARD). Siehe Zeit Online, âSpiegelâ, âSĂŒddeutscheâ, ND. Die Resonanz erklĂ€rt sich unter anderem dadurch, dass zumindest einige der Bands, um die es hier geht (Blumfeld, Tocotronic), Kritikerlieblinge waren. Das Urteil der Rezensenten ĂŒber den Film: positiv. Sehr kritische Töne gibt es dagegen hier (unter anderem von mir), hier und hier. Einer meiner Kritikpunkte: Ich erkenne hier keinen Versuch, die auĂergewöhnliche Musik auf eine ihrem Wesen adĂ€quate Weise in Szene zu setzen. Die in zwei Teilen ausgestrahlte Doku ist eher mal wieder ein Beispiel dafĂŒr, dass es fĂŒr einen guten Film nicht reicht, kluge Leute interessante Sachen zu sagen lassen.â
ErgĂ€nzung: Antje Jelinek betrachtet in ihrem Text âDie Hamburger Schule und die Frauenâ bei den âRuhrbaronenâ Doku und Diskussion aus feminismuskritischer Sicht und zeichnet das beliebte Opfernarrativ nach.
2 In der regulĂ€ren Podcastfolge â1000 Narben tiefâ bietet Jan Böhmermann das Hörspiel zum Kauf an: âDas Ganze gibt es ab heute direkt hier im Anschluss an diese Folge â könnte also einfach eine Sonderfolge von Fest & Flauschig [sein]. Die ist aber nur, weil wir nicht wollen, dass das einzementiert wird sondern wie das Internet flĂŒchtig ist, fĂŒr 7 Tage erhĂ€ltlich und danach ist das wieder verschwrunden bis der Deutschlandfunk kommt und sagt: Wir kaufen euch das fĂŒr 500 ⏠ab und senden das nachts um 1 nochmal.â
3 To whom it my concern â das schreibt Rebecca ĂŒber ihren LebensgefĂŒhrten Frank: âEr ist Musiker. Nicht super doll berĂŒhmt aber schon etabliert. Er textet, singt und hĂ€lt eine Gitarre. Kurz: er steht auf BĂŒhnen und hat vorher was gedacht und aufgeschrieben. Auch mal einen Roman. Das kommt an, so meine jahrelange Erfahrung, besonders beim weiblichen Geschlecht.â
Rebecca Spilker: Volle Elle MachtgefĂ€lle. In: Kaput â Magazin fĂŒr Insolvenz und Pop, 19.10.2023.
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