Meine #FestUndFlauschig Zeit ist leider vorbei đŸ€·â€â™‚ïž

Sonntags gehe ich oft eine kleine Runde laufen. Dabei habe ich gerne den Podcast von Jan und Olli gehört, weil die mich immer mal wieder zum Lachen gebracht haben.

Aber heute gab es mehrfach Werbeeinblendungen mit 4 bis 5 völlig belanglosen Informationen.

Ganz abgesehen davon, dass ich fĂŒr Spotify bezahle, habe ich einfach keine Lust, mir so einen Schrott anzuhören.

Sorry, war eine schöne Zeit, ist aber jetzt vorbei.

#Fest&Flauschig
Machen #ollischulz und #JanBöhmermann eigentlich immer noch Werbung fĂŒr den Podcast von Rassismus-UnterstĂŒtzer Joe Rogan (der so schön am Erfolg von Trump mitverantwortlich ist) in ihrem exklusiv beim Kriegstreiber Ek verfĂŒgbaren Podcast #festflauschig? Nachdem die Frequenz der zusammenhanglosen BefĂŒrwortung zugenommen hatte, habe ich mich mit Bedauern vor lĂ€ngerer Zeit vom Podcast abgewandt. Eine Abkehr - ein Statement - zum Ende des Vertrags mit Schrottify wĂ€re zu schön und wichtig.

Metametameta – Schulz & Böhmermann haben die Diskussion um „Die Hamburger Schule“ verhörspielt

Christian Ihle: Diskursrockdiskurs – HamburgerSchuleGate. Eine Oral History in 7 Kapiteln

Spotify, Spezialausgabe des Podcasts „Fest und Flauschig“ So, 09.06.2024

Die NDR-Doku „Die Hamburger Schule“ von Natascha Geier sorgte in den sozialen Medien fĂŒr große Aufregung.1 Christian Ihle hat die Äußerungen der Beteiligten zusammengestellt und Jan Böhmermann und Olli Schulz haben sie fĂŒr eine Spezialausgabe ihres Podcasts „Fest & Flauschig“ verhörspielt. Das ist gleichzeitig unterhaltsam und lustig, lehrreich und ein bisschen traurig.

Der Musiker und SĂ€nger Bernd Begemann war angepisst. Aber so richtig. Natascha Geiers zweiteilige Fernsehdoku „Die Hamburger Schule“ ĂŒber die „vor einem Vierteljahrhundert erloschene Szene“ (Musikjournalist Maik BrĂŒggemeyer) hat ihm so gar nicht gefallen. Er hĂ€lt in einem Facebookpost die am 24. Mai um 4.45 Uhr im linearen Fernsehen ausgestrahlte zweiteilige NDR-Doku fĂŒr „einen von persönlicher Agenda triefenden IchIchIch-Vlog“ und ein „ignorantes Ego-Gewixe“ – und legt spĂ€ter noch nach.

Daraufhin entspann sich in den sozialen Medien (vor allem auf Facebook) eine virtuelle WirtshausschlĂ€gerei. So haben sich die Zeiten vom Sozialen zum Parasozialen verĂ€ndert seit Anfang der 1990er Jahre die wohl letzte analoge Subkultur â€žĂŒber den Kiez in die Charts“ zog. Der Journalist Christian Ihle hat die Kontroverse am 3. Juni in einem 60.000 Zeichen langen Longread in sieben Kapiteln fĂŒr das taz-Blog „Monarchie und Alltag“ dokumentiert. Eigentlich wĂ€re die versammelte „Beleidigteleberwurstigkeit“ (Musikjournalist Albert Koch) Stoff fĂŒr die Trash-TV-Analytikerin Anja RĂŒtzel. Es waren aber Oliver „Olli“ Schulz und Jan Böhmermann, die keine Woche spĂ€ter daraus das 77-minĂŒtige Hörspiel „Diskursrockdiskurs” als Spezialausgabe ihres Podcasts „Fest & Flauschig“ auf Spotify gemacht haben – die leider nur sieben Tage online stand.2

Allein mit ihren gefilterten Stimmen tragen sie sĂ€mtliche Äußerungen der mehr als 20 Beteiligten vor und man staunt, was an stimmlicher VariabilitĂ€t möglich ist, wenn man die entsprechenden Plugins zu benutzen weiß. Da macht es kaum etwas aus, das Schulz und Böhmermann ihren eigenen Duktus nie ganz ablegen können, weil sich schlicht nicht ĂŒber die schauspielerischen FĂ€higkeiten verfĂŒgen, sich ihren Protagonisten anzuverwandeln. Aber darum geht es auch nicht in erster Linie sondern vielmehr um eine akustische ReprĂ€sentation schriftlicher Kommunikation. Unterlegt mit dem Plastikgeklapper von Computertastaturen und elektronisches Sounddesign befinden wir uns im Raum digitaler Schrift. Nur ab und zu gibt es idyllisches Vogelgezwitscher oder drĂ€uende Pauken und auch mal den Sound einer mechanischen Schreibmaschine.

Die bespielten Metaebenen

Es ist natĂŒrlich komplett gerechtfertigt, aus einer schriftlich gefĂŒhrten Diskussion ĂŒber die Fernsehdokumentation einer Subkultur, ein Hörspiel zu machen, ohne sich den Vorwurf der Zweit-, Dritt- oder gar Viertverwertung einzufangen. Denn mehr noch als die BĂŒhnen von Karmers und Pudel hat die „Hamburger Schule“ die Metaebenen dieser Republik bespielt. Die Frage ist: Leistet das Hörspiel etwas, was Christian Ihles Dokumentation nicht leistet?

NaturgemĂ€ĂŸ geht es um die Inszenierung von Differenzen. Im Fernsehen bekommt man durch die im warmen Licht der Nostalgie gefilmten Interviews ein GefĂŒhl dafĂŒr, wie unfassbar jung die Protagonisten damals waren, wenn man die dagegen geschnittenen Bildern aus den spĂ€ten 80er und frĂŒhen 90er Jahren sieht. Und außerdem sieht man, dass es möglich ist, in WĂŒrde zu altern, ohne zum Abziehbild seines frĂŒheren Ichs zu werden.

Olli Schulz (Jahrgang 1973, frĂŒher Hamburg, heute Berlin) und Jan Böhmermann (Jahrgang 1981, frĂŒher Bremen, heute Köln) kitzeln in ihrer Performance der DiskussionsbeitrĂ€ge die inhĂ€rente wie auch die unfreiwillige Komik heraus. NatĂŒrlich reduzieren sie dabei die Figuren auf ihre eigenen Klischees. Aber wo man keiner Charakterentwicklung folgen muss, wird die Aufmerksamkeit auf die Inhalte, auf die Texte und ihren Fromulierungswillen gelenkt. Letztendlich haben wir es mit einer beonderen Spielart des Dokumentarischen zu tun, bei der es einmal mehr deutlich wird, warum es sinnvoll ist, zwischen Autor und Werk zu unterscheiden.

LĂ€cherliches und Menschliches

NatĂŒrlich hat es etwas LĂ€cherliches, aber auch etwas zutiefst Menschliches, wenn einige Akteure sich beschweren, nicht ausreichend oder gar nicht fĂŒr die Fernsehdoku interviewt worden zu sein, wie sich Kerstin „Kersty“ Grether („Spex“) selbst eingesteht. Die Popjournalistin und Musikerin holt dann aber auch das große GeschĂŒtz raus und wirft Geier vor, die von ihr und ihrer Schwester Sandra erfundene Form des Popfeminismus „unsichtbar gemacht“ hĂ€tte.

Wo Kersty Grether moniert, dass bestimmte (ihre) Positionen marginalisiert wĂŒrden oder gar „aus der Geschichte gestrichen“, entgegnet die kluge Journalistin Rebecca Spilker,2 dass an Geiers Doku etwas festgemacht wird, „was an anderer Stelle besser anzuleinen wĂ€re“, und stört sich dran, dass das die (feministische) Sache kleiner mache. Denn ein Großteil der zweiten Folge von Natascha Geiers Doku dreht sich um die Rolle der Frauen in der „Hamburger Schule“, von Bernadette La Hengsts Band „Die Braut haut ins Auge“ ĂŒber Rebecca „Nixe“ Walshs Projekte bis hin zu den Berliner „Lassie Singers“, die der Popmusik das Wort „Körpergebirgsergriffenheitssex“ geschenkt haben, eines der schönsten Komposita deutscher Zunge. „Wir haben uns auch eher als Schule fĂŒr Erwachsenenbildung aus Berlin gesehen, nicht als ‚Hamburger Schule’„, sagt Lassie-SĂ€ngerin Christiane Rösinger, die in der Doku leider als eine Art missgĂŒnstige Berliner Hauswartsfrau rĂŒberkommt – eine Rolle, die ihr nicht gerecht wird.

Eher erklĂ€rungsbedĂŒrftig ist, warum in der Doku zwar Dirk von Lowtzow (Totoctronic) und Frank Spilker (Die Sterne) aber weder Blumfeld-SĂ€nger Jochen Distelmeyer noch Zickzack-LabelgrĂŒnder Alfred Hilsberg zu Wort kommen. Rebecca Spilker, eine von Geiers GesprĂ€chspartnerinnen, erklĂ€rt das in einem Facebookpost (der weder in Ihles Kompilation, noch im Hörspiel vorkommt) so:

„Der ehemalige Klassensprecher dieser Schule fehlt. Er schnipste beim Melden stets mit den Fingern und eroberte nebenbei mit seiner Band „Blumfeld“ (von uns damals schmunzelnd „Wiese“ genannt) die Feuilletons der Republik. Schade, dass man ihn nicht vor die Kamera locken konnte. Sicher hĂ€tte er das ‚Damals und Heute‘ fĂŒr uns noch einmal eloquent und abschließend zusammengefasst. Frei vorgetragen. In Hexametern.“

BestÀndige Narrative der Diskurshoheit

In der „Hamburger Schule“ wurde viel geschwatzt und dazwischengeredet. Und natĂŒrlich beanspruchte jeder das, was mit dem Oxymoron „Diskurshoheit“ bezeichnet wird. Als wĂ€re der Diskurs etwas, was man fĂŒhren kann, und nicht etwas genauso Heterogenes wie die „Hamburger Schule“ selbst, zu der damals die wenigsten und heute die meisten zugerechnet werden wollen. Der Spritzer Traurigkeit, der sich in die hoch unterhaltsame und manchmal sehr komische Diskussion mischt, ist die Bereitschaft, alte Schlachten immer wieder neu zu schlagen. Begemann, dessen Stimme Schulz und Böhmermann diabolisch tief gepitcht haben, schlĂ€gt regelrecht um sich und fertigt beispielsweise „Die goldenen Zitronen“ um SĂ€nger Schorsch Kamerun folgendermaßen ab: „Die Zitronen haben Agitprop zurĂŒckgebracht. Danke dafĂŒr. Das muss reichen.“

Auch die BestĂ€ndigkeit mit der alte (Opfer-)Narrative tradiert werden, irritiert. Dass in den 1990er Jahren der Sexismus in der Musikszene so weit verbreitet gewesen sei, konnte man in den 1990ern ĂŒber die 1970er hören und wird vermutlich in den 2040ern ĂŒber die 2020er gesagt werden. Und natĂŒrlich widerspricht das dem Postulat des 2022 verstorbenen SĂ€ngers der Band „Kolossale Jugend“ Kristof Schreuf, das Rocko Schamoni zu Beginn der Doku zitiert: „Es geht nur um Genauigkeit!“ Da hatte er recht.

Ein Fazit der Online-Diskussionen zieht die „Spiegel“-Journalist Benjamin Moldenhauer: „Seit dieser wirklich sagenhaft eitlen Debatte darĂŒber, wer mit welchen SĂ€tzen in dieser ‚Hamburger-Schule‘-Doku aufgetreten ist und wer HERAUSGESCHNITTEN wurde [Hervorhebung im Original], muss ich immer sehr lachen, wenn ich die Musik höre. Da seht ihr, was ihr angerichtet habt.“ Manchmal möchte man die Hamburger SchĂŒlerinnen und SchĂŒler einfach nur ganz fest in den Arm nehmen.

Jochen Meißner – KNA Mediendienst, 13.06.2024

P.S. In der regulĂ€ren „Fest & Flauschig“-Folge vom 9.6.24  „1000 Narben tief“ (eine Anspielung auf Blumfelds spĂ€ten Schmachtfetzen „1000 TrĂ€nen tief“), formuliert Jan Böhmermann bei Minute 36 die steile These, dass wegen der AutoritĂ€t der Hamburger Schule einige Leute sich nie getraut hĂ€tten Kunst zu machen. In Natascha Geiers Doku war man sich noch einig, dass die „Hamburger Schule“ an dem gegenwĂ€rtigen PhĂ€nomen „deutsche Songpoeten“ (Max Giesinger u.Ă€.) Schuld gewesen sei. Je norddeutscher die Tiefebene desto steiler die Thesen.

1 Die Reaktionen der redaktioneller Medien hat Christian Bartels RenĂ© Martens fĂŒr das Medienwatchblog  „Altpapier” (MDR) vom 30. Mai 2024 dokumentiert: „GefĂŒhlt die meistbesprochene TV-Dokumentation derzeit: „Die Hamburger Schule – Musikszene zwischen Pop und Politik“ (NDR/ARD). Siehe Zeit Online, „Spiegel„, „SĂŒddeutsche„, ND. Die Resonanz erklĂ€rt sich unter anderem dadurch, dass zumindest einige der Bands, um die es hier geht (Blumfeld, Tocotronic), Kritikerlieblinge waren. Das Urteil der Rezensenten ĂŒber den Film: positiv. Sehr kritische Töne gibt es dagegen hier (unter anderem von mir), hier und hier. Einer meiner Kritikpunkte: Ich erkenne hier keinen Versuch, die außergewöhnliche Musik auf eine ihrem Wesen adĂ€quate Weise in Szene zu setzen. Die in zwei Teilen ausgestrahlte Doku ist eher mal wieder ein Beispiel dafĂŒr, dass es fĂŒr einen guten Film nicht reicht, kluge Leute interessante Sachen zu sagen lassen.“
ErgĂ€nzung: Antje Jelinek betrachtet in ihrem Text „Die Hamburger Schule und die Frauen“ bei den „Ruhrbaronen“ Doku und Diskussion aus feminismuskritischer Sicht und zeichnet das beliebte Opfernarrativ nach.

2 In der regulĂ€ren Podcastfolge „1000 Narben tief“ bietet Jan Böhmermann das Hörspiel zum Kauf an: „Das Ganze gibt es ab heute direkt hier im Anschluss an diese Folge – könnte also einfach eine Sonderfolge von Fest & Flauschig [sein]. Die ist aber nur, weil wir nicht wollen, dass das einzementiert wird sondern wie das Internet flĂŒchtig ist, fĂŒr 7 Tage erhĂ€ltlich und danach ist das wieder verschwrunden bis der Deutschlandfunk kommt und sagt: Wir kaufen euch das fĂŒr 500 € ab und senden das nachts um 1 nochmal.“

3 To whom it my concern – das schreibt Rebecca ĂŒber ihren LebensgefĂŒhrten Frank: „Er ist Musiker. Nicht super doll berĂŒhmt aber schon etabliert. Er textet, singt und hĂ€lt eine Gitarre. Kurz: er steht auf BĂŒhnen und hat vorher was gedacht und aufgeschrieben. Auch mal einen Roman. Das kommt an, so meine jahrelange Erfahrung, besonders beim weiblichen Geschlecht.“
Rebecca Spilker: Volle Elle MachtgefĂ€lle. In: Kaput – Magazin fĂŒr Insolvenz und Pop, 19.10.2023.

#ChristianIhle #DieHamburgerSchule #Diskursrockdiskurs #FestFlauschig #HamburgerSchuleGate #JanBöhmermann #NataschaGeier #OlliSchulz #oralHistory #Spotify

Meedia: Premiere: MEEDIA zeigt die Top 50 der deutschsprachigen Podcasts nach bisher geheimen Spotify-Abo-Zahlen

Eine neue Funktion in der Spotify-Mobil-App macht es möglich: Erstmals sind fĂŒr (fast) alle Podcasts Einblicke in die Zahl der Abonnentinnen und Abonnenten möglich.
Premiere: MEEDIA zeigt die Top 50 der deutschsprachigen Podcasts nach bisher geheimen Spotify-Abo-Zahlen

Premiere: MEEDIA zeigt die Top 50 der deutschsprachigen Podcasts nach bisher geheimen Spotify-Abo-Zahlen

Eine neue Funktion in der Spotify-Mobil-App macht es möglich: Erstmals sind fĂŒr (fast) alle Podcasts Einblicke in die Zahl der Abonnentinnen und Abonnenten möglich. MEEDIA hat recherchiert und eine Top 50 der populĂ€rsten deutschsprachigen Podcasts zusammengestellt. Mit einer Nummer 1, die eindrucksvolle 1,3 Millionen Abos hat.