Zwischen WM-Tourismus, Boomer-Bashing und Social-Media-Verbot: Notizen ĂŒberdrehter Debatten
Artikel, BlogbeitrÀge und Kommentare, die ich in den vergangenen Tagen erwÀhnens- und lesenswert fand, einmal mehr hier im Blog kuratiert.
USA-Besucher und warum die WM ein Super-Deal fĂŒr Trump istDie heile Welt von gestern kommt nicht zurĂŒckDie Baby Boomer, eine Generation von Schmarotzern?Auch der Kanzler fordert Social-Media-Verbot, aber âŠIn Australien funktioniert es doch auch, oder?Das eigentliche Problem sind die Algorithmen, die Tech-Bros und Trump mit seinen GenossenSocial-Media-Verbot fĂŒr Ăber-40-JĂ€hrige!Aus der BlogosphĂ€reDiskussion auf Social Media? Nahezu unmöglichDer KI-Fehler des ZDF & die DiskreditierungskampagneDie Sache mit der Toleranz ⊠nicht nur in der Tech-Szene USA-Besucher und warum die WM ein Super-Deal fĂŒr Trump ist
Noch am Mittwoch haben wir mit Freunden zusammen gesessen, und fĂŒr alle ist die USA momentan kein Land, in das man reisen will. Trumps wirre Politik, die Gewaltorgien des ICE und die AnkĂŒndigungen, dass kĂŒnftig verschiedene Daten wie die Social-Media-AktivitĂ€ten der letzten 5 Jahre, die genutzten E-Mail-Adressen, die Wohnorte der letzten Jahre und eventuell sogar DNA-Daten im ESTA-Antrag bei der Einreise in die USA offengelegt werden mĂŒssen, tragen zu dieser Haltung bei.
Im ersten Jahr unter Trump sanken die Besucherzahlen in den USA um 4,2 Prozent, was einem Verlust von elf Millionen Touristen und 50 Milliarden Dollar entspricht. Kein Kompliment fĂŒr den brillanten Deal Maker, aber Rettung naht: Die FuĂball-Weltmeisterschaft 2026 in den USA. Sie wird ihm wahrscheinlich aus der Patsche helfen. Das Interesse an der FuĂball-WM ist â so T-Online â groĂ, mit 500 Millionen Ticketanfragen, hauptsĂ€chlich aus den GastgeberlĂ€ndern und ⊠Deutschland. So viel zum Thema Haltung.
Zu einem Boykott der FuĂball-Weltmeisterschaft im Trump-Land habe ich mich ja schon geĂ€uĂert. Dazu werden es die Infantino-Freunde nicht kommen lassen. Watzke und Konsorten lehnen das ja auch ab, weil die armen Sportler ja nichts dafĂŒr können (und man nebenbei seine GeschĂ€fte als DFB machen will). Auch das haben wir am Mittwoch sehr kontrovers diskutiert. Ich habe da eine sehr strikte Haltung, auch wenn der Vergleich mit der Olympiade 1936 in Berlin vielleicht etwas ĂŒberzogen ist.
Die heile Welt von gestern kommt nicht zurĂŒck
Christian Stöcker bringt es in seiner Spiegel-Kolumne einmal mehr auf den Punkt: Regierende, Politikerinnen und Politiker generell sollten nicht weiter den Eindruck, besser die Illusion vermitteln, als gĂ€be es ein erstrebenswertes Gestern, zu dem man nur zurĂŒckkehren mĂŒsse, damit alles wieder gut wird. ZurĂŒck in eine vermeintlich heile Welt, die in Wirklichkeit keine war. Wir mĂŒssen nur wieder hĂ€rter arbeiten. Dann wird das alles wieder gut.
Mumpitz. Der Status quo von gestern ist ĂŒberholt. Permanente, beschleunigte VerĂ€nderung ist unausweichlich, wie in den Jahrzehnten zuvor. Und ja, Menschen mögen keinen Change. Aber Sauerland-Nostalgie hilft nicht weiter. Wir mĂŒssen uns ernsthaften Themen stellen, vom Einfluss und den Bedrohungen durch kĂŒnstliche Intelligenz â dem Schwerpunkt des Beitrags von Stöcker â bis zur Klimakrise, die einige so vehement leugnen.
Und denken wir auch an die RattenfĂ€nger, die mit plumpen Parolen Stimmung machen. ZurĂŒck zur D-Mark. Oder an das, was Herr Trump in den USA als nostalgische heile, weiĂe Welt verkauft. All das wird nicht funktionieren, auch wenn sie es suggerieren. Wir werden uns der Gegenwart und ihren Herausforderungen stellen mĂŒssen, so wie es Generationen vor uns getan haben.
Die Baby Boomer, eine Generation von Schmarotzern?
Da fĂŒhle ich mich schon auf den Schlips getreten, wenn man mich Baby Boomer als Schmarotzer bezeichnet. Wir haben ja auch gearbeitet. Nicht wahr? Florian Harms hat im T-Online Tagesanbruch vom 17.2.2026 die Baby Boomer aufs Korn genommen. Unsere Generation habe so lange auf der Sonnenseite gestanden und strĂ€ube sich nun gegen notwendige Reformen, gegen Anpassung und Verzicht. Reformen, die den Status quo antasten, werden als Angriff empfunden. Um ja nichts zu verlieren oder abgeben zu mĂŒssen, wĂ€hlten wir Boomer Politiker und Parteien, die den Status quo sichern statt Zukunft zu gestalten. Da sind wir wieder bei der gerade diskutierten heilen Welt von gestern.
Harms zitiert einen ausfĂŒhrlichen Leserbrief, und da steht es: âWir lĂ€stern ĂŒber die Jungen, dabei sind wir die erste Schmarotzergeneration.â Das Problem ist nicht nur politisch, sondern generationenĂŒbergreifend: Zwischen denen, die âim Gestern verhaftet bleiben wollenâ, und jenen, die die Zukunft tragen mĂŒssen, klafft eine wachsende Kluft. Ob die Boomer wirklich die Bremser sind oder eher symptomatisch fĂŒr ein ganzes System â lĂ€sst Harms offen.
Und wie stehe ich zum Vorwurf der Schmarotzergeneration? Wir Baby Boomer hatten und haben noch ein gutes Leben, materiell, vor allem in Frieden. Wir konnten reisen und die Welt kennen lernen. Haben wir schmarotzt? Nein, das sehe ich eher nicht so. Wir haben schon unser Leben lang gearbeitet. Aber wir haben immer gerne mehr genommen und uns an dieses mehr gewöhnt. Und jetzt sind viele von uns Baby Boomern nicht bereit fĂŒr âetwas wenigerâ, auf das ein oder andere Privileg oder einen Besitzstand zu verzichten. Stattdessen fallen einige von uns auf die Nepper, Schlepper und BauernfĂ€nger herein, die âalles wird gutâ versprechen und immer andere Schuldige finden, die Migranten, die AuslĂ€ndern, die Links-GrĂŒn-Versifften. Wie man diese Kuh oder besser Kuhherde vom Eis kriegt â ich weiĂ es nicht. Das Thema bleibt auch fĂŒr mich offen.
Auch der Kanzler fordert Social-Media-Verbot, aber âŠ
Vor geraumer Zeit haben Lars und ich bei #9vor9 ĂŒber ein Social-Media-Verbot gesprochen. Unterdessen kocht die Diskussion bei uns in Deutschland weiter hoch. Der Kanzler kann es sich vorstellen. Die SPD macht entsprechende VorschlĂ€ge, die aber nicht genau gelesen werden. Der Schleswig-Holsteinische MinisterprĂ€sident GĂŒnther war schon lĂ€nger dafĂŒr. Und vielleicht bewahrheitet sich noch die Prophezeiung von Nostradamus Lars, der ein entsprechendes Verbot noch in dieser Legislaturperiode vorhergesagt hat.
In Australien funktioniert es doch auch, oder?
Wir haben ja ein leuchtendes Vorbild: In Australien funktioniert doch alles. Zumindest gibt es entsprechende Berichte. Doch es gibt auch andere Aussagen â Im FAZ FrĂŒhdenker vom 19.2.2026 wird von GesprĂ€chen berichtet, die die FAZ-Journalisten mit rund zehn australischen Familien mit Kindern zwischen 13 und 16 Jahren gefĂŒhrt haben. Fast alle Kids haben weiterhin Konten in den eigentlich gesperrten Plattformen. Den Angaben der Kinder nach sind auch ihre Freunde weiterhin dort prĂ€sent.
Ich habe den Eindruck, dass genau so etwas auch uns passieren könnte. Verbote sind dazu da, umgangen zu werden. Und meist finden sich Wege. Deshalb wird ein Social-Media-Verbot wahrscheinlich nichts bringen, auĂer dem populistischen Hinweis an das Wahlvolk, dass man doch etwas getan habe.
Das eigentliche Problem sind die Algorithmen, die Tech-Bros und Trump mit seinen Genossen
Doch des Pudels Kern ist nicht ein Verbot. Das Problem sind die Plattformen, deren Logik und Algorithmen dafĂŒr sorgen, dass den Kids Fake News, Hass, pornographische und andere fragwĂŒrdige Inhalte zugespielt werden. Dort muss angesetzt werden. Dort muss endlich konsequent reguliert werden. Steht ĂŒbrigens auch in dem SPD-Papier, aber so weit wird meist nicht gelesen. Stattdessen wird das Paper medial âSocial-Media-Verbot fĂŒr U14â verkĂŒrzt. Dabei gehtâs der SPD wohl eher um algorithmusfreie, altersgestufte Nutzung und Plattformverantwortung statt pauschale Verbote. Ein Mindestalter ist symbolisch, echten Schutz bringen transparente Systeme & Medienkompetenz. Lesenswert dazu die BeitrĂ€ge von Thomas Gigold und Eva-Maria WeiĂ.
Daran traut sich die Politik aber noch nicht wirklich heran, denn dann bekommt man es mit Trump und seinen Gesellen und den mĂ€chtigen Tech-Bros wie Zuckerberg oder Musk zu tun, die alle Hebel in Bewegung setzen, dass sie nicht reguliert werden. Doch genau dort liegt nicht die komplette Lösung, aber die Möglichkeit, einer sehr groĂen EntschĂ€rfung des Problems.
Social-Media-Verbot fĂŒr Ăber-40-JĂ€hrige!
Im Ăbrigen schlieĂe ich mich den Jugendlichen an, die ein Social-Media-Verbot fĂŒr Ăber-40-JĂ€hrige fordern. Laut Bericht des Postillion begrĂŒnden sie die Forderung damit, dass Ă€ltere Leute âviel zu viel Zeit vor dem Bildschirm verbringen und auf jeden KI-ScheiĂ reinfallenâ. So ist es.
Aus der BlogosphÀre
Diskussion auf Social Media? Nahezu unmöglich
Zum Abschluss noch lesenswerten Blog-BeitrĂ€ge geschĂ€tzter Kollegen. Christian Buggisch schreibt darĂŒber, wie Social Media unterdessen gehapert wurde, eine Diskussion nicht mehr möglich ist:
Politische, öffentlich ausgetragene, ausgewogene Diskussionen in sozialen Medien sind heute weitgehend unmöglich. Es besteht jederzeit die Gefahr, dass solche Debatten von gut organisierten Aktivisten gekapert und durch massenhaftes, systematisches Framing thematisch beherrscht werden. Als einzelner dagegen anzudiskutieren ist sinn- und wirkungslos.
Wie man Social Media kapert und Kommunikation zerstört
Der KI-Fehler des ZDF & die Diskreditierungskampagne
Horst Schulte könnte ich fast in jeder Kuratiert.-Folge zitieren und hier tue ich es mit seinem Beitrag ĂŒber den KI-Fehler des ZDF heute Journals, der von gewissen Kreisen dann gleich der Moderatorin Dunja Hayali persönlich angekreidet wird. Dass NIUS, Springer und andere auf Hayali einprĂŒgeln, ist leider nicht neu. Dabei war sie fĂŒr das Fake-Bild gar nicht verantwortlich. Aber man kann halt sie und die Ăffentlich-Rechtlichen so schön diskreditieren.
Fehler sind passiert. Fehler wurden aufgedeckt. Fehler dĂŒrfen sich nicht wiederholen. Gut ist es. Alles andere ist Empörung und Skandalisierung und hat mit Journalismus sowieso nichts zu tun.
Die Sache mit der Toleranz ⊠nicht nur in der Tech-Szene
Eigentlich gehört dieser Beitrag des bekannten Security-Experten Mike Kuketz thematisch doch nicht hierher. Mike schreibt darĂŒber, wie gerade in der Tech-Szene das Symptom besteht, dass technische PrĂ€ferenzen zu einer Weltanschauung werden. Wer das nicht genau so macht, hat keine Ahnung. Manche Fediverse-Enthusiasten verhalten sich manchmal genau so.
Genau so ist es. Eine Diskussion, ein Kompromiss oder ein pragmatischer Plan ist oft nicht möglich. Alles muss sofort Open Source sein. Alles muss sofort dezentral sein. Da gibt es kein Wenn und Aber.
Es braucht AugenmaĂ, Kontext und vor allem: den Willen, andere mitzunehmen statt sie zu belehren. Fortschritt entsteht selten durch Maximalforderungen, sondern durch realistische Schritte, die im Alltag funktionieren â und durch eine Kommunikation, die erklĂ€rt, statt zu urteilen.
Das Toleranzproblem der Tech-Szene: Menschen mitnehmen statt belehren â Mike Kuketz
Mike trifft den Nagel auf den Kopf. Und das nicht nur fĂŒr die Tech-Szene. Und genau deshalb habe ich seinen Beitrag hier aufgenommen.
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