Das fossile Fukushima
Der Irankrieg und die Energiepolitik
Geschichte wiederholt sich nicht? Doch. Immer wenn die CDU den alten Energiekonzernen gefÀllig sein will, kommt die Weltgeschichte dazwischen. Das war am 11. MÀrz 2011 so. Und ist es seit dem 1. MÀrz 2026 wieder so.
Der Angriff der USA und Israels auf den Iran im MĂ€rz 2026 droht fĂŒr die Energieversorgung Europas Ă€hnliche Folgen zu haben, wie Putins Ăberfall auf die Ukraine.
Am 09. MĂ€rz sprang der Ălpreis zum ersten Mal seit langem auf ĂŒber 100 Dollar pro Barrel. Der Gaspreis verdoppelte sich auf ĂŒber 60 Euro die Megawattstunde. Es zeugt vom wirtschaftlichen âSachverstandâ der Bundeswirtschaftsministerin, wenn Katherina Reiche erklĂ€rt, es gĂ€be kein Mengen- sondern âbloĂâ ein Preisproblem.
Die Preise sind schlechte Nachrichten fĂŒr Unternehmen, die heute schon unter hohen Energiepreisen leiden. Es wird teuer, die leeren Gasspeicher zu diesen Preisen aufzufĂŒllen. Am Ende wird Heizen teurer. Und es sind schlechte Nachrichten fĂŒr Autofahrende. Bild hat schon die âTankwutâ ausgerufen..
Noch können E-Auto-Besitzer an den verĂ€rgerten Tankstellenkunden fröhlich winkend vorbei fahren. Bleibt jedoch der Trend beim Gas, steigt auch der Strompreis. FĂŒr ihn ist die letzte eingespeiste Kilowattstunde entscheidend. Ist sie aus einem Gaskraftwerk, wird es teuer. Davor sind nur diejenigen gefeit, die einen GroĂteil ihres Stroms aus einer eigenen Solaranlage beziehen und damit fahren oder heizen.
Fossiler Rollback
Dieser Krieg trifft Friedrich Merz, Lars Klingbeil und Katherina Reiche völlig unvorbereitet. Anstatt Deutschland und Europa entschlossen zu modernisieren, es zu dekarbonisieren und damit unabhĂ€ngiger von fossilen Energien zu machen, setzten sie auf eine nostalgische Energiepolitik. Es wird von Kernfusion fantasiert und ĂŒber kleine Atomreaktoren rĂ€soniert. Weil die erst in Jahrzehnten kommen und nicht wettbewerbsfĂ€hig sind, setzt Schwarz-Rot auf eine LaufzeitverlĂ€ngerung fĂŒr Fossile.
â Ausgerechnet als die E-Autos von Volkswagen die Teslas aus Europas Verkaufslisten zu verdrĂ€ngen begannen, sollten Verbrenner lĂ€nger zugelassen werden. Schwarz-Rot stufte Hybride, die auf der StraĂe viermal so viel CO2 ausstoĂen als in ihrer Zulassung steht, als âklimaneutralâ ein.
â Die Vorgabe, dass 65% der WĂ€rme erneuerbar sein muss, soll mit dem âTeuer-Heizen-Gesetzâ (GrĂŒne) entfallen. Auch die FernwĂ€rmeanbieter werden davon befreit. Die steigenden Gaspreise landen so in den privaten Haushalten, wenn es die kommunale WĂ€rmeplanung oder der Vermieter so will. Dem Erdgas sollen âgrĂŒne Gaseâ zugemischt werden. Zu diesen Gasen zĂ€hlt Wasserstoff, der mit Erdgas erzeugt wurde und dann dem Erdgas wieder beigemischt wird. Unsinnig, aber teuer.
â Statt Anreize fĂŒr den Netzausbau zu schaffen, soll es ins Belieben von 800 örtlichen Verteilnetzbetreibern gestellt werden, ob sie Erneuerbare und Speicher ans Netz lassen. So werden nicht Netzausbau und Erneuerbare synchronisiert, sondern der Zubau von Erneuerbaren wird ausgebremst und Chancen fĂŒr ein stabileres Netz liegengelassen.
â UngerĂŒhrt sieht Katherina Reiche zu, wie die nĂ€chste Ausschreibung fĂŒr Off-Shore-Wind leerlĂ€uft. Der drohende Fadenriss bei Off-Shore gefĂ€hrdet 50.000 ArbeitsplĂ€tze in Norddeutschland.
â Der Anreiz, zusĂ€tzliche KapazitĂ€ten fĂŒr PV-Strom auf privaten DĂ€chern zu installieren, soll entfallen. In Zeiten, in denen Balkonkraftwerke boomen, sollen Haushalte von der EEG-EinspeisevergĂŒtung ausgeschlossen werden.
â Auf Druck Deutschlands versprach die EU Donald Trump, FlĂŒssiggas im Wert von 750 Milliarden zu kaufen.
Selten sind die Interessen der Gaswirtschaft so eins zu eins von einer Regierung umgesetzt worden, wie durch die heutige Wirtschaftsministerin und ehemalige Gasmanagerin Katherina Reiche. Wer bei Trump und Musk den Kopf darĂŒber schĂŒttelte, wie unverfroren politische und wirtschaftliche Interessen verquickt werden, lernt nun, dass es das nicht nur in USA gibt.
Fukushima
Der Kampf um eine fossile LaufzeitverlĂ€ngerung hat einen VorlĂ€ufer: Den Kampf der vier groĂen Energieunternehmen um eine atomare LaufzeitverlĂ€ngerung 2011. E.on, RWE, Vattenfall und EnBW hatten den Ausbau der Erneuerbaren ignoriert und krĂ€ftig Marktanteile und an Unternehmenswert verloren. Um das auszugleichen, sollten ihre abgeschriebenen Atomkraftwerke lĂ€nger laufen. LĂ€nger, als sie selbst im Atomkonsens von 2001 vertraglich zugesichert hatten. Solange diese Altanlagen ohne Kapitalkosten und mit geringen Personal- und Brennstoffkosten unfallfrei liefen, galten sie als âcash-cowsâ.
Die gut finanzierte Kampagne der Energiekonzerne war erfolgreich. Die 2009 gewĂ€hlte schwarz-gelbe Koalition vereinbarte, den Atomkonsens aufzukĂŒndigen und die Laufzeiten der Atomkraftwerke zu verlĂ€ngern. Dagegen demonstrierten Hunderttausende in Berlin, Gorleben und anderswo. Doch 2010 peitschte die Regierung von Angela Merkel das Gesetz durch den Bundestag.
Doch Atomkraft funktioniert nicht unfallfrei. Am 11. MĂ€rz 2011 explodierten â ausgelöst durch einen Tsunami â die Reaktorblöcke in Fukushima. Die Hoffnung der Atomkonzerne auf einen Milliarden-Extraprofit zerstieb in einer Knallgaswolke.
Mochte die Physikerin Angela Merkel der Atomkraft nicht völlig abgeneigt sein, eines hat sie immer vermieden. Sie ist nie zweimal gegen die gleiche Wand gerannt. Unter der Leitung von Klaus Töpfer wurde eine Kommission eingesetzt. Diese befand mit Zustimmung von BDI und IG Chemie, dass das Risiko der Nutzung der Atomkraft nicht unbegrenzt verantwortbar ist und empfahl zum rot-grĂŒnen Konsens von 2001 zurĂŒckzukehren.
Palliative Wirtschaftspolitik
Heute kĂ€mpft wieder eine Industrie mit einem nicht zukunftsfĂ€higen GeschĂ€ftsmodell dafĂŒr, noch etwas lĂ€nger Geld verdienen zu dĂŒrfen.
2011 wussten die Atomkonzerne, dass niemand ein neues Atomkraftwerk bauen wĂŒrde. Es wĂ€re viel zu teuer und nicht wettbewerbsfĂ€hig gewesen. E.on und RWE hatten eine erteilte Genehmigung fĂŒr ein neues Atomkraft in GroĂbritannien sogar zurĂŒckgegeben.
2026 weiĂ die Gasindustrie, dass sie â trotz Trump â dauerhaft mit dem Verkauf von Erdgas keine GeschĂ€fte machen wird. Physik, Ăkonomie und Klimaschutz sprechen dagegen. Eine WĂ€rmepumpe liefert mit einer Kilowattstunde Strom dreieinhalb Kilowattstunden WĂ€rme. Doch wĂ€hrend die Gaspreise explodieren, sinken die Kosten fĂŒr erneuerbaren Strom.
Dieser in Deutschland mit dem EEG ausgelöste Effekt hat globale Folgen. 2024 waren 92,5 Prozent aller weltweit neu installierten StromkapazitĂ€ten erneuerbar. Kohle-, Ăl-, Gas- und Atomkraftwerke teilten sich zusammen noch eine Marktnische von 7,5 Prozent. Die Zahlen fĂŒr 2025 sehen Ă€hnlich aus.
Das ist einer der GrĂŒnde, warum die Autoindustrie weiĂ, dass der Verbrenner keine Zukunft hat. Europas Autoindustrie wird nur ĂŒberleben, wenn sie sich schneller und nicht langsamer auf E-MobilitĂ€t umstellt. âTankwutâ war dann mal.
Merz, Klingbeil und Reiche aber praktizieren das Gegenteil. Anstatt den Wandel zu forcieren, bestrafen sie Vorreiter. Erneuerer werden ausgebremst, nicht wettbewerbsfĂ€hige GeschĂ€ftsmodelle subventioniert. Schwarz-Rot betreibt palliative Wirtschaftspolitik fĂŒr nicht zukunftsfĂ€hige GeschĂ€ftsmodelle.
Resilienz
Das alles war schon vor dem Irankrieg richtig. Die vom Irankrieg ausgelöste Ălkrise aber offenbart eine weitere Dimension. Es geht um Europas Resilienz und SouverĂ€nitĂ€t. Es ist nicht Zufall, sondern Strategie, dass Trumps Kriegslust mit dem Vorhandensein von Ăl- und Gasquellen korreliert, ob in Venezuela, in Nigeria, in Grönland oder im Iran.
Es geht den USA um âEnergie-Dominanzâ. DafĂŒr muss ihre FĂ€higkeit, global Preise zu gestalten gesichert werden. Europa soll in AbhĂ€ngigkeit von fossilen Energien gehalten werden. Verteuert ein Krieg die Ăl- und Gaspreise fĂŒr den groĂen Rivalen China ist das willkommen. Willkommen ist auch, dass von gestiegenen Gaspreisen die US-Frackingindustrie profitiert. Sie kassieren Milliarden an Windfallprofits ein. Ihre halbe Milliarde Spenden fĂŒr Trumps Wahlkampf war eine lohnende Investition.
Zahlen mĂŒssen die Zeche Asien und Europa. China reagiert auf die fossile Energiedominanz der USA mit einer konsequenten Strategie: Elektrifizierung und Ausbau der Erneuerbaren. Die HĂ€lfte der globalen Erneuerbaren der letzten zwei Jahre ging in China ans Netz.
Schwarz-Rot hingegen versucht sich im fossilen Rollback. Der wird fĂŒr Deutschland sehr teuer, wie die aktuelle Irankrise zeigt. Er ist ein Angriff auf Europas SouverĂ€nitĂ€t. âEuropĂ€ische SouverĂ€nitĂ€tâ war die Botschaft von Friedrich Merz auf der diesjĂ€hrigen MĂŒnchner Sicherheitskonferenz. Sie war seine Antwort, auf das Ende der transatlantischen ZuverlĂ€ssigkeit. Doch dieser Erkenntnis folgt kein Handeln .
Freiheitsenergien
Der Irankrieg könnte das fossile Fukushima sein. Deutschland muss anfangen, resilienter zu werden. Wie 2011 Merkel kann es die LaufzeitverlĂ€ngerung beenden â diesmal fĂŒr Fossile. Es muss konsequent auf den Ausbau heimischer erneuerbare Energien setzen. Es sind âFreiheitsenergienâ wie sie Christian Lindner in einem selten hellen Moment mal nannte. Es gilt, moderne Industriepolitik zu betreiben statt palliativer Wirtschaftspolitik.
Angela Merkel hat ihre 180-Grad-Kehre 2011 nicht freiwillig gemacht. Sie stand unter massivem Druck der öffentlichen Meinung. Diesen Druck gilt es 2026 angesichts des Irankrieges wieder zu organisieren. 1700 Unternehmen in Deutschland haben das begriffen.
Dieser Beitrag ist eine Ăbernahme von der Homepage des Autors, mit seiner freundlichen Genehmigung. Lesen Sie ergĂ€nzend auch: RenĂ© Martens/MDR-Altpapier: âWenn Sender sich beugen â Ob hier zu Lande im Ersten Programm oder ZDF, ob bei NBC, CBS, ABC oder Fox: Die Klimaberichterstattung geht seit 2023 zurĂŒck. Ist eine Trendumkehr noch denkbar?â