Köln wächst — Kreuzfeld muss Wohnquartier werden, nicht Olympia-Kulisse
Köln wächst weiter. Das ist erst einmal eine gute Nachricht: Unsere Stadt bleibt attraktiv, besonders für junge Menschen. Ende 2025 lebten 1.100.076 Menschen in Köln, 2.557 mehr als im Vorjahr. Entscheidend ist aber, woher dieses Wachstum kommt: Die Stadt wächst nicht aus sich selbst heraus, sondern durch Zuzug. 2025 standen 9.059 Geburten 10.123 Sterbefällen gegenüber; ohne neue Kölnerinnen und Kölner von außen würde die Stadt schrumpfen. Besonders die 18- bis unter 30-Jährigen sorgen mit einem Wanderungsplus von 9.449 Personen für Wachstum.
Genau deshalb ist die Debatte um Kreuzfeld so wichtig. Wer die aktuellen Zahlen ernst nimmt, kann Wohnungsbau nicht weiter behandeln wie ein Projekt, das man beliebig verschieben, überformen oder an andere politische Prestigeziele koppeln darf. Köln braucht Wohnungen. Nicht irgendwann. Nicht als „Legacy“ nach einem Großereignis. Sondern planbar, bezahlbar und so schnell wie möglich.
Die Stadt selbst beschreibt die Lage deutlich: Köln benötige dringend Wohnraum, der auch für Menschen mit niedrigen und mittleren Einkommen bezahlbar ist; die Mieten auf dem freien Markt seien für viele Haushalte längst nicht mehr finanzierbar. Gleichzeitig stiegen die mittleren Angebotsmieten 2025 weiter, von 14,00 auf 14,70 Euro Nettokaltmiete pro Quadratmeter. Das ist der reale Hintergrund dieser Debatte: junge Menschen, Familien, Beschäftigte, Auszubildende, Studierende und Normalverdiener konkurrieren um knappen Wohnraum in einer Stadt, die weiter Menschen anzieht.
Kreuzfeld ist dafür eines der wichtigsten Projekte. Im Kölner Norden sollen auf rund 80 Hektar mindestens 3.500 Wohnungen sowie neue Arbeitsplätze entstehen. Genau solche Projekte braucht Köln: nicht nur einzelne Nachverdichtungen, sondern neue Quartiere mit Infrastruktur, Schulen, Kitas, sozialer Mischung, ÖPNV-Anbindung und bezahlbaren Wohnungen. Wer Kreuzfeld verzögert oder funktional auf ein anderes Ziel umsteuert, verzögert nicht irgendeinen Plan auf Papier, sondern konkrete Entlastung für den Kölner Wohnungsmarkt.
Nun soll ausgerechnet Kreuzfeld Teil der Olympia-Bewerbung KölnRheinRuhr werden. Die Stadt schreibt, dort seien ein Olympisches und Paralympisches Dorf sowie ein temporäres Leichtathletikstadion vorgesehen. In der offiziellen Darstellung klingt das attraktiv: Olympia solle als Katalysator wirken, das Dorf später Wohnraum für rund 10.000 Menschen bieten, Infrastruktur beschleunigen und das Stadion in ein nachhaltiges Stadtquartier überführt werden.
Aber genau hier liegt das Problem. Wohnungsbau darf nicht zur Nachnutzung eines Sportereignisses degradiert werden. Die zentrale Frage muss lauten: Was braucht Köln dauerhaft? Die Antwort ist klar: Wohnungen, bezahlbare Mieten, soziale Infrastruktur und eine verlässliche Entwicklung des Kölner Nordens. Ein temporäres Stadion für ein zeitlich begrenztes, international vermarktetes Großereignis darf dabei nicht Vorrang vor dauerhaftem Wohnraum bekommen. Olympia finanziert sich laut Stadt unter anderem über Sponsoring, Ticketverkäufe und Vermarktungsrechte; es ist also nicht nur Sportromantik, sondern ein hochkommerzielles Großprojekt mit öffentlichen Risiken und privaten Interessen.
Auch das Wort „nachhaltig“ darf nicht alles überdecken. Ein Stadion wird nicht automatisch nachhaltig, nur weil es später anders genutzt werden soll. Nachhaltig ist vor allem das, was den Menschen in Köln dauerhaft hilft: bezahlbare Wohnungen, gute Verkehrsanbindung, funktionierende Schulen, Grünflächen, kurze Wege und soziale Infrastruktur. Wenn ein Olympia-Konzept zusätzliche Planungsanforderungen, neue Abhängigkeiten, Kostenrisiken oder Zeitdruck erzeugt, dann ist es kein Beschleuniger, sondern eine Bremse.
Die Stadt selbst nennt für Kreuzfeld nach erfolgreicher Planrechtsschaffung einen voraussichtlichen Erschließungs- und Aufsiedlungszeitraum zwischen 2032 und 2040. KölnRheinRuhr bewirbt sich aber für 2036, 2040 oder 2044. Spätestens bei einem möglichen Austragungsjahr 2040 oder 2044 stellt sich daher die unbequeme Frage: Soll Köln wirklich dringend benötigten Wohnraum an den Zeitplan eines unsicheren Olympia-Projekts koppeln? Der DOSB entscheidet erst am 26. September 2026, welcher deutsche Standort international ins Rennen gehen soll. Danach wäre noch immer nicht sicher, ob Deutschland und dann KölnRheinRuhr den Zuschlag erhalten.
Der Kölner Ratsbürgerentscheid hat eine Mehrheit für die Bewerbung ergeben, 57,39 Prozent stimmten mit Ja. Aber dieses Votum ist kein Blankoscheck dafür, Wohnungsbauziele in Kreuzfeld zu verwässern oder zu verschieben. Eine Zustimmung zur Bewerbung bedeutet nicht, dass jedes Detail der späteren Planung automatisch richtig ist. Gerade weil Köln als „Leading City“ besonders betroffen wäre, muss die Stadt jetzt glasklare Bedingungen formulieren: keine Verzögerung des Wohnungsbaus, keine Verringerung bezahlbarer Wohnungen, volle Kostentransparenz, verbindliche Zeitpläne und ein belastbarer Plan B für den Fall, dass Olympia nicht kommt.
Köln wächst. Das ist keine theoretische Prognose, sondern gelebte Realität. Junge Menschen kommen in diese Stadt, weil sie hier studieren, arbeiten, leben und bleiben wollen. Wer ihnen eine Zukunft in Köln verspricht, muss auch den Wohnraum schaffen, der diese Zukunft möglich macht. Kreuzfeld darf deshalb nicht zur Kulisse eines temporären Sportereignisses werden. Kreuzfeld muss ein Stadtteil für Kölnerinnen und Kölner werden.
Wohnungen sind keine Olympia-Nachnutzung. Wohnungen sind kommunale Pflicht.
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