Am eigenen Ast sägen

Wie man das Hörspiel unsichtbar macht

Neulich flatterte mal wieder eine CD mit einem neuen Hörspiel-„Tatort“ nebst Pressematerial (vierfarbig, Hochglanzdruck) auf den Schreibtisch diverser Medienbeobachter und Redaktionen, und man weiß nicht, ob man lachen oder weinen soll. Die 2008 mit dem Konzept „ARD Radio Tatort“ gestartete Offensive der Mittelmäßigkeit hat wenigstens dazu geführt, dass hier die meisten Presseabteilungen der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten ihren Job machen. Zum Weinen ist dagegen, dass diese Abteilungen ihren Job zur Bewerbung echter Qualitätsprodukte eben nicht machen. Sogenannte „Events“ wie die Verhörspielung und Verhörbuchung des „Ulysses“ mal ausgenommen. Man kann diese Haltung sogar irgendwie verstehen, denn man investiert nur ungern Energie darin, das Hörspiel den klassischen Feuilletons schmackhaft zu machen, die schon seit Jahren so gut wie gar nicht darauf reagieren. Auch die Medienseiten der Tageszeitungen sind eher sporadisch an der Materie interessiert und müssen ihren begrenzten Platz ja auch noch mit Artikeln gegen den angeblich so verschwenderischen gebührenfinanzierten „Staatsfunk“ bespielen.

Wenn also die Presse ihre Arbeit nicht macht und weder die Leistungen des Radios würdigen noch dessen Fehlleistungen kritisieren will, ja oft nicht einmal mehr Programmhinweise druckt, dann müssen die ARD-Sender schon aus reiner Notwehr die „presseähnliche“ Programmbegleitung selbst in die Hand nehmen. Als das viel gelesene Berliner Stadtmagazin „Tip“ sein Fernsehprogramm von einer Beilage zu einem Teil des Heftes machte und dabei das Radioprogramm gleich mit wegsparte, ging ein Aufschrei durch die Leserschaft, weil man damit ein Alleinstellungsmerkmal (!) ohne Not aufgebe. Genützt hat es nichts.

Programmgeschichte nachvollziehen

Die Kulturfernsehsender Arte und 3sat gegeben eigene Programmzeitschriften heraus und auch die meisten öffentlich-rechtlichen Hörfunksender publizieren Programmbroschüren vierzehntäglich oder monatlich, quartalsweise oder halbjährlich. Aus denen kann man nicht nur dramaturgische Zusammenhänge und Konzepte entnehmen, sondern wird auch noch in Jahrzehnten die Programmgeschichte nachvollziehen, wenn alle Internet-Inhalte aufgrund rundfunkrechtlicher Vorschriften schon längst wieder de-publiziert worden sind. Und das ist leider keine theoretische Möglichkeit, wie ein Blick nach Süden zeigt: Seit dem 2. August ist die vorbildliche Hörspieldatenbank des Österreichischen Rundfunks (ORF) offline – auf Initiative der ORF-Rechtsabteilung selbst. Denn laut Paragraph 4e Abs. 3 des ORF-Gesetzes darf in Österreich der öffentlich-rechtliche Rundfunk „sendebegleitende Inhalte nur bis maximal dreißig Tage nach der Sendung“ ins Netz stellen. Ein Witz, bei einer Jahrzehnte zurückreichenden Datenbank.

Übrigens: Was das Deutsche Rundfunkarchiv (DRA) auf den Seiten von radio.ard.de ins Netz stellt, ist eigentlich eine Frechheit. „Fünf Mann Menschen“, das berühmteste „Neue Hörspiel“ von Ernst Jandl und Friederike Mayröcker, findet man dort überhaupt nicht und so manches andere auch nicht, weil das User-Interface, vulgo: die Suchfunktion, an der Grenze zur völligen Unbrauchbarkeit operiert. Maß aller Dinge ist immer noch die private Hörspieldatenbank „Hoerdat“ von Hörspielfan Herbert Piechot.

Während also vom großen Südwestrundfunk (SWR) bis zum kleinen Radio Bremen der jeweilige „ARD Radio Tatort“ emsig beworben wird, lag jetzt dem dritten Quartalsheft der Hörspielbroschüre des Hessischen Rundfunks (HR) ein Brief von Hörfunkdirektor Heinz Sommer bei, der die Einstellung eben dieser Broschüre mit dem nächsten Heft ankündigte. Grund: allgemeine Kostensteigerung bei gleichbleibenden Rundfunkgebühren. Es sei abzuwägen: „Kostensparen an einer Begleitpublikation über das HR-2-Programm oder sparen am HR-2-Programm selbst.“ Das unterstrichene „oder“ ist wohl als Ironiesignal zu interpretieren. Vielleicht fragt Heinz Sommer mal nach, wie die Künstler honoriert werden, die den HR-2-Hörspieltermin „The Artist’s Corner“ bespielen. So viel sei verraten: Sie werden nicht nach den üblichen Hörspielkonditionen bezahlt. Dass das HR Fernsehen sein Programmvermögen, will heißen: sein Archiv für die „hesslichsten Sendungen des deutschen Fernsehens“ (Stefan Niggemeier) plündert, sei hier nur am Rande bemerkt.

Doch der Hessische Rundfunk ist nicht die einzige Anstalt, die ihre Hörfunkpublikationen für verzichtbar hält. Die Hörspielabteilung des Mitteldeutschen Rundfunks (MDR) schickt seit der Einstellung ihrer MDR-Figaro-Monatsschrift „Triangel“ mit dem Dezemberheft 2011 nur noch ein paar hektographierte Blätter an einen ausgewählten Interessentenkreis. Und auch beim Deutschlandradio steht das umfangreiche Quartalsheft mit Informationen zu Hörspiel und Feature von Deutschlandfunk und Deutschlandradio Kultur auf der Abschussliste. Die Existenz der immer wieder hilfreichen Broschüre ist aber wenigstens vorläufig bis zum vierten Quartal 2013 gesichert. Traurig ist nicht nur, dass man beim Hessischen Rundfunk ein 64-seitiges Heftchen einstellt, das in einen „C6-lang“-Briefumschlag passt und in puncto Zugriffszeit und Übersichtlichkeit die Website von HR 2 locker schlägt. Noch trauriger ist, dass die kleine Broschüre (die früher auch mal großformatiger war) nicht aus dem Kommunikationsetat des HR bezahlt worden ist, sondern von der HR-Kulturabteilung selbst, und zwar aus Erträgen wirtschaftlicher Zweitverwertungen wie beispielsweise bei den Rechten für Audio-CDs. Am traurigsten aber ist, dass mit dem Verzicht auf die lesende Öffentlichkeit das Radio eine weitere Kerbe in den Ast sägt, auf dem es sitzt.

Das „ARD-Radiofestival“ und das Wahrheitsministerium

Der rundfunkpolitische Föderalismus hierzulande, der zu der lebendigsten Hörspielszene in ganz Europa geführt hat, wird – leider auch unter aktiver Mitwirkung der Betroffenen – durch Zentralisierungen wie den „ARD Radio Tatort“ und das „ARD-Radiofeature“ nachhaltig geschädigt. Die Krönung aber ist das sommerliche, bei den Kultur- bzw. Wortwellen veranstaltete sogenannte „ARD-Radiofestival“ – perfider hätte auch das Wahrheitsministerium in George Orwells Roman „1984“ die Selbstabschaffung des föderalen Kulturradios begrifflich nicht umwerten können. Auch in dem Roman geht es übrigens darum, die Vergangenheit so zu manipulieren, dass sie zu den aktuellen Interessen passt. Doch was wir aus der Frühzeit des Radios wissen, wissen wir vor allem auch aus dessen Publikationen, zum Beispiel aus der Zeitschrift „Die WERAG“ der einstigen Westdeutschen Rundfunk AG.

Fast könnte man vermuten, dass bei dem, was da momentan passiert, planmäßig die einzige Kunstform des Radios von den Rundfunkanstalten unsichtbar gemacht werden soll. Aber das ist wahrscheinlich Quatsch. Eher sieht es so aus, als bemühe man sich im geschützten Windschatten einer öffentlich finanzierten Institution zu überleben. Deren Interessen sind – organisationssoziologisch plausibel – in erster Linie auf die Aufrechterhaltung der eigenen Unternehmensstrukturen gerichtet; in zweiter Linie auf die Besetzung von Sendefrequenzen (damit sie kein anderer bekommt) und dann in dritter Linie noch darauf, ein möglichst billiges Programm zu machen, das die Systemumwelt nicht weiter irritiert.

Eine inhaltliche Idee von der verfassungsgerichtlich gestellten Aufgabe des öffentlich-rechtlichen Rundfunks im Allgemeinen und der des Kulturradios im Besonderen sucht man auf der Ebene der Entscheider allerdings vergebens. Stattdessen erkennt man ein Verhaltensmuster aus Kurzsichtigkeit, Gleichgültigkeit, Desinteresse am eigenen Produkt und vorschnellem Einknicken vor den Lobbyismen aus Verlagsbranche und Politik. Vielleicht sollte man sich darauf besinnen, dass Gebührengelder nicht dazu da sind, eingespart zu werden, sondern dazu, ein gesellschaftlich wichtiges und hochwertiges Produkt herzustellen. Und dieses Produkt darf man ruhig mal ins Schaufenster stellen und muss es nicht verschämt zwischen dem formatierten Alltagskram des täglichen Bedarfs verstecken.

Jochen Meißner – Funkkorrespondenz 37/2012

P.S.: Den Trend zu „Ent-Substantiierung und De-Intellektualisierung“ des öffentlich-rechtlichen Kulturradios im Allgemeinen und die WDR-3-Reform im Besonderen hat Dietrich Leder in seinem Schwerpunktartikel Intellektuelle Hochrüstung – Was das Kulturradio leisten kann für den Fachdienst „epd medien“ großartig beschrieben und analysiert. Textprobe gefällig?:

Statt weiter auf die hoch spezialisierte Sachkenntnis etwa auf den Gebieten der Künste zu setzen, herrscht heute in der Personalpolitik so etwas wie eine intellektuelle Verkarstung vor, die wie im WDR Fachredaktionen – etwa durch die Zerschlagung der Programmgruppe Musik – auflösen. Statt auf fundiertes Wissen setzt man auf äußerste Flexibilität. Jeder Redakteur soll möglichst alles können und nicht zu viel wissen, sodass sie im Jubilar Jürgen Becker nur einen Kabarettisten und in seinem Sohn Boris einen Tennisspieler ausmachen und über diese familiäre Konstellation Bauklötze staunen, weil sie weder den Lyriker (und ehemaligen Hörfunkredakteur) noch den künstlerischen Fotografen kennen.

Ein einschlägiges Hörspiel zum Thema gibt es auch schon: Rafael Jové behauptet: „Das Radio ist nicht Sibirien“, Kritik hier.

Update 18.09.12
Der letzten Hörspielbroschüre (Nr. 4/2012) des Hessischen Rundfunks liegt ein Beiblatt mit folgendem Inhalt bei:

Liebe Hörerinnen und Hörer, zu der Einstellung der Hörspielbroschüre haben Herrn Dr. Sommer als Hörfunkdirektor und die Hörspielredaktion zahlreiche Briefe erreicht. Wir bitten um Ihr Verständnis, dass wir nicht jeden Brief persönlich beantworten können.
Im Editorial der voliegenden letzten Hörspielbroschüre weisen wir darauf hin, dass wir uns nicht nur um Ersatz für die gedruckte Fassung bemühen, sondern mit einem erweiterten Internetangebot und einem eigenen Newsletter sogar zusätzliche Informationsmöglichkeiten bieten wollen.
Ihre hr2-Hörspielredaktion

Im Editorial steht Folgendes:

Die Nachricht, dass wir künftig leider keine gedruckte Hörspielbroschüre mehr anbieten können, hat Sie erreicht. Wir möchten Sie natürlich weiterhin über unsere Aktivitäten auf dem laufenden halten. Dabei wird unsere Website eine Hauptrolle spielen, auf der wir Sie umfassender als bisher über unsere Stücke und Autoren informieren werden. Wenn Sie darüber hinaus Interesse an einem regelmäßigen Hörspiel-Newsletter haben, schicken Sie bitte eine Mail an [email protected] mit dem Stichwort Hörspielinformationen in der Betreffzeile.

Und noch ein Update: Weil auch im Deutschlandradio Bestrebungen diskutiert werden, die Hörspielbroschüre abzuschaffen, hat sich eine Initiative gebildet: Die Freunde der Hörspielbroschüre.

#ard #dietrichLeder #epdMedien #horspiel #horspielbroschure #hr #radioTatort #radiofeature #radiofestival #rafaelJove

Vom Widerständigen zum schonend Zubereiteten – 100 Jahre Hörspiel

Was das Hörspiel einmal konnte und nach 100 Jahren immer noch kann (wenn es denn will)

Am 24. Oktober 1924 ging in Deutschland das erste Hörspiel über den Frankfurter Sender. Doch die Lust in den Rundfunkanstalten, den 100. Geburtstag feierlich zu begehen, hält sich in Grenzen. Zu gravierend sind die aktuellen Transformationsprozesse.

Mit der „Zauberei auf dem Sender“, die als das erste deutsche Hörspiel am 24. Oktober 1924 über den Frankfurter Sender ging, verfügt das Hörspiel in Deutschland über ein Gründungsdokument, das in seinen Figuren, seiner Spielhandlung und seiner Konstruktion die Bedingungen, Begrenzungen und Möglichkeiten des Hörspiels reflektierte. Anders als die frühen Hörspiele aus Großbritannien und den USA, die entweder traditionelle Formen für das neue Medium adaptierten und/oder das Radio als „blindes“ Medium auffassten und damit den Verzicht auf alles Optische für medienadäquat hielten, ging Flesch mit seinem als „Versuch einer Rundfunkgroteske“ untertitelten Stück über das akustische Medium hinaus.

Doch gerade dadurch zeigte er dessen spezifische Möglichkeiten. Denn selbstverständlich rächt sich der Zauberer am Radio und an der Verwaltungsstruktur, die hinter ihm steht, indem er das Medium selbst verzauberte.

Nicht umsonst nennen sich Zauberkünstler selbst Illusionisten – und keine Illusion ist stärker als die einer medial vermittelten Realität. Das lernten die Amerikaner, als der junge Orson Welles 1938 mit „The War of the Worlds“, in einer Radioadapation von H.G. Wells Roman, von einer Invasion der Marsmenschen berichten ließ. In Europa hatte zuvor die Legion Condor Guernica bombardiert und weitreichendere Invasionen kündigten sich an. Außerdem waren die Hörer an das Prinzip der „Live“-Reportage durch Herbert Morrisons im Wortsinn atemberaubende Berichterstattung vom Absturz des Luftschiffs LZ 129 „Hindenburg“ am 6. Mai 1937 in Lakehurst gewöhnt. Eine Katastrophe, die ironischerweise gar nicht live übertragen wurde, sondern als Mitschnitt auf Platte erst zeitversetzt über den Sender ging. Man hört Morrisons Aufforderung an seinen Tonmann Charles Nehlsen „Get this Charlie, get this Charlie“ als der Zeppelin in Flammen aufgeht, auf der Aufnahme.

Die Lektion, die die Hörerschaft damals lernte war die folgende: „Die Realität des Radios ist die Realität des Radios – oder die Marsmenschen kommen“, wie der langjährige Leiter des Studio Akustische Kunst, Klaus Schöning, später ein Radiofeature und einen Aufsatz betitelte. Der Titel enthält bereits die Medienanalyse und die Angst davor, was passiert, wenn man die mediale Realität mit der echten verwechselt. In Deutschland konnte man diese Lektion schon mit dem ersten Hörspiel lernen. Und der gelehrigste Schüler war der spätere Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda, Joseph Goebbels: „Der Rundfunk gehört uns, niemandem sonst“, ließ er am 25.3.1933 verlauten.

Doch auch in privatwirtschaftlich bewirtschafteten Mediensystemen wissen Leute wie Ex-Trump-Berater Steve Bannon und Multimilliardär Elon Musk, wie man das „ungeheure Kanalsystem“, als das Bertolt Brecht das massenmediale System seiner Zeit bezeichnet hat, mit „Scheiße“ flutet.

Das Radio denkt über sich nach

Seit der „Zauberei auf dem Sender“ (Fassung von 1964) ist es das Hörspiel selbst, das über sich und über das Radio nachgedacht hat. Christian Hörburger hat in seinem Text (vgl. MD 40/24) schon auf Wolf Wondratscheks „Paul oder die Zerstörung eines Hörbeispiels“ hingewiesen, das schon 1969 wusste, dass ein Hörspiel nicht den Vorstellungen entsprechen muss, die ein Hörspielhörer von einem Hörspiel hat. Das Stück gehört übrigens zu der Hörspiel-Collection „100 aus 100“, in der die ARD vom 19.10.2023 bis zum 2.8.2024 einhundert Stücke aus der einhundertjährigen Geschichte des Hörspiels die ihre Audiothek gestellt hatte.

Doch allzu viele Stücke gibt es dort nicht, die sich mit der Selbstreflexion oder der Reflexion ihres Mediums beschäftigen. Dass es überhaupt einer Reflexion des Hörspiels im Hörspiel bedarf, ist zweierlei geschuldet. Zum einen gab es einen blinden Fleck in der Wissenschaft, die jahrzehntelang nicht wusste, in welches Fachgebiet sie die einzige akustische Kunstform, die ein Medium hervorgebracht hat, einzuordnen hatte. Zum anderen hat man sich von der Theoriebildung im Radio verabschiedet. Um Klaus Schönings Gespräche mit Autoren, Komponisten und Klangkünstlern zu veröffentlichen, musste der Musikverlag Schott eine DVD bespielen. Heute sind fast alle Sendeplätze, in denen Platz für eine tiefere Reflexion der Gattung wäre, abgeschafft worden.

Selbst der Podcast „Hauptsache Hörspiel“ – allmonatlich im Anschluss an die Ausstrahlung des Hörspiels des Monats im Deutschlandfunk zu hören – erzielt nicht die Reichweite, die man sich von ihm versprochen hat. Bestimmt liegt es nur an der mangelhaften Distribution in der ARD Audiothek, wo man keinen eigenen Feed hat. Vielleicht aber auch an der penetrant frühstücksradiohaften guten Laune, mit der Max von Malotki und Hanna Steger ihre Autorengespräche führen. Wahrscheinlich passt dieser Ton aber zu dem Sound, den man für die Ansprache einer jüngeren Hörerschaft für angemessen hält. Und das Traurige ist: Wie man in die Zielgruppe hineinruft, so schallt es heraus. Denn man bekommt immer genau das Publikum, das man verdient.

Das Radio zum Tanzen bringen

Dem Publikum das vorzuspielen, von dem es noch nicht wusste, dass es es hören wollte, gehört zu den vornehmsten Aufgaben des öffentlich beauftragten, linearen Rundfunks. Da ist es mitunter hilfreich, dem Radio seine eigene Melodie vorzuspielen, um es zum Tanzen – oder, im Fall von Fleschs „Zauberei“, beinahe unter seiner Eigenresonanz zum Bersten zu bringen. In seinen Radiocollagen, die er selbst „Hörtexte“ nannte, tat das Ferdinand Kriwet zwischen 1962 und 1983. Seine Stücke hießen unter anderem „Radio“, „Radioball“ und „Radioselbst“.

Ein Echo davon produzierten 1999 Christian Berner und Frank Schültge (alias Rebresch und Blumm) mit ihrer 15-minütigen Collage „Formal Radio“, bei der man in Sekundenbruchteilen hört, dass das Radio einen anderen Klang hat als zu Kriwets Zeiten. Denn es sind wirklich nur Sekundenbruchteile, die man braucht, um zu erkennen, ob man gerade Werbung, Wetter und Verkehr; Jazzradio oder ein Hörspiel hört. Digital lässt sich das natürlich erheblich einfacher montieren als mit analogen Bandschnipsel, die Kriwet penibel zusammengeschnitten hatte.

Ludwig Harigs „Staatsbegräbnis“ aus dem Jahr 1969 arbeitete mit ähnlichen Mitteln der Collage und Montage und lauschte außerdem hinter die Kulissen der Radioreportagen der Beisetzung von Bundeskanzler Konrad Adenauer. Das gefiel weder der Journalistengewerkschaft noch dem damaligen Intendanten des Saarländischen Rundfunks, einem ehemaligen persönlichen Referenten Adenauers, der ein Aufführungsverbot erließ – eine Zensurmaßnahme, die sich im Nachgang glücklicherweise als wirkungslos erwies.

Der Hörer im Fokus

Die Hörer vor dem Radio ins Radio zu holen, mit denen zu sprechen, über die sonst nur gesprochen wurde, war Ziel des O-Ton-Hörspiels, das auch Ende der 1960er Jahre entstand und mit den Namen Paul Pörtner, Paul Wühr und Erika Runge verbunden ist. Wühr wurde 1972 für sein „Preislied“ zwar mit dem Hörspielpreis der Kriegsblinden ausgezeichnet, sein vom Bayerischen Rundfunk im gleichen Jahr produziertes O-Ton-Stück „So eine Freiheit“ wurde aber erst zwanzig Jahre später, 1992, vom Sender Freies Berlin (SFB) urgesendet. Wahrscheinlich waren die Schilderungen des ganz normalen sexuellen Elends der Frauen der damaligen Dramaturgengeneration zu entlarvend.

Den Hörer zum Teil einer Radio-Performance zu machen, gelang dem Fluxus-Künstler Wolf Vostell 1969 in dem Aktionsspiel „Hundertmal hören und spielen“ für das literarische Studio des WDR. Da gingen Anweisungen an die Hörer heraus, wie beispielsweise: „Lecken Sie die Schaltknöpfe Ihres Radios“ oder „Schlagen Sie 17 Mal ihre Kühlschranktür zu“. Dazu gab es ein Livepublikum im kleinen Sendesaal und live zugespielte Anrufe von irritierten bis engagierten Hörern. So fröhlich-anarchisch ging es seitdem im Radio nie wieder zu.

Trotz gegenteiliger Beschwörungen, dass das Internet jetzt eine neue Art von Interaktivität zwischen Hörern und Sendern ermöglichen soll, ist die Hörerschaft wieder jene Masse, die von einem Distributionsapparat gefüttert werden soll. Am Programm mitwirken darf sie in Hörerbefragungen und Fokusgruppen. Den Rest übernahm früher die Beraterbranche – und übernehmen heute die Algorithmen großer Intermediäre.

Noch aus der Rundfunkberaterzeit stammt Rafael Jovés Satire „Das Radio ist nicht Sibirien“ (Kritik hier) aus dem Jahr 2012, die am Lehrstuhl für Experimentelles Radio an der Bauhaus-Universität in Weimar entstanden ist. Dort hatte die fiktive Hörerforschung etwas Erschütterndes herausgefunden: „Unser Angebot war für das Interesse eines einzelnen Menschen zu vielfältig, also mussten wir die Vielfalt ein wenig auf Sie zuschneiden“, heißt es im Hörspiel.

Die Genauigkeit der Parodie führte dazu, dass vor der Ausstrahlung beim WDR die Programmdirektion gefragt werden musste. Es wurde dann vor der Sendung darauf hingewiesen, dass der fiktive Sender „FDR 2“ nichts mit WDR 3 zu tun habe. Und weil keine Satire grob genug sein kann, um nicht als Gebrauchsanweisung missbraucht zu werden, gelten einige der Maximen des formatierten Kulturradios aus Jovés Stück immer noch. Unter anderem die, dass der Hörer behandelt werden muss wie ein kranker Verwandter: schonend. Heute sind wir einen Schritt weiter: falls etwas die Harmlosigkeitsgrenze auch nur touchieren könnte, setzt es bei einigen Sendern eine „Triggerwarnung“.

Nicht ohne Triggerwarnung!

Ohne Triggerwarnung dürfte Edgar Lipkis Stück „Feedback Nigger Radio Reservation“ aus dem Jahr 2013 (Kritik hier) auch nicht mehr über den produzierenden Sender, den Westdeutschen Rundfunk, gehen. Nicht nur, dass das N-Wort darin vorkommt, auch ritualisierte, antikolonialistische Verfahrensweisen werden dort ironisiert. Das ganze vollzieht sich aber in verschiedenen Rückkopplungsschleifen, die unterschiedliche Konzepte von Identitäten durchspielen und sich in einem (Kultur-)Radio-Reservat abspielen: „Klar kannst du was über koloniale Vergangenheit machen. Wenn ich aber dann nur Diskurs, Diskurs höre und dazwischen alles minus 25 db, dann: danke für ihre Rundfunkgebühren“, mault Astrid Meyerfeldt als Rundfunkredakteurin.

Unser Radio, oder noch besser das „Radio, unser …“ bekommt da gar religiösen Charakter und muss unbedingt gerettet werden. Die temporeiche und hochkomische Inszenierung stellte große Fragen und fordert intellektuell heraus – etwas, was man der an Schonung gewöhnten Hörerschaft heute immer seltener zumuten will.

Einen Endpunkt des algorithmisierten Radios hat schon im Jahr 2002 Eran Schaerf in seinem vom Bayerischen Rundfunk produzierten Stück „Die Stimme des Hörers“ inszeniert. Nur eine einzige Stimme, die des BR-Nachrichtensprechers Peter Veit, spricht den automatischen Moderator eines fiktiven Talkradios für Höreranrufe, die Anrufer und zugleich die Software, die den Sender steuert. Schon damals fügte die Software den Äußerungen der Hörer „Alternativen“ hinzu, wenn es um die Namen von Orten, Personen oder Kriegen ging – und das Jahre bevor Kellyanne Conway den Begriff „alternative Fakten“ prägte. Es wäre interessant, von Eran Schaerf, der sich nicht nur in diesem Stück mit den medialen Verhältnissen auseinandergesetzt hat, ein Hörspiel über gegenwärtige Medienkonfigurationen unter Bedingungen generativer Text-, Bild- und Tongeneratoren, sogenannter Künstlicher Intelligenzen zu hören.„

Auch die Verwaltung kann schön klingen

Fehlt nur noch das, was das Rückgrat des öffentlich-rechtlichen Rundfunks in Deutschland ausmacht: der Apparat. Die Großstruktur, die von der Sendetechnik bis zur Abwicklung von Honoraren und Lizenzen den Betrieb am Laufen hält, um den eigentlichen Zweck zu erfüllen: Programm zu machen. Wie in jeder Großorganisation entwickelt der Verwaltungsapparat eine eigene Schwerkraft der Selbsterhaltung und je geringer der Anteil ist, der für Programm ausgegeben wird, desto dysfunktionaler wird er.

Mit einer Facette dieses Hintergrundrauschens hat sich auch das Hörspiel auseinandergesetzt. Der italienische Komponist und Klangkünstler Stefano Giannotti hat 2014 für Deutschlandradio Kultur im Hörpiel „Bürotifulcrazy“ kurzerhand dessen Honorarbedingungen vertont. Weil es Giannotti nicht um billige Pointen ging, baute er die oft unfreiwillig komische Verwaltungssprache in musikalische Strukturen für Tierstimmen ein: Vögel, die sich bemühen „bu-ro-cra-zia“ zu krächzen und Schweine, die mit dem Nadeldrucker um die Wette grunzen. Die Verwaltung erscheint in Giannottis Stück als autopoietisches, also sich selbst erschaffendes und erhaltendes System – und kann dabei sogar noch schön klingen.

Die Möglichkeiten des Hörspiels haben sich also in den letzten einhundert Jahren technisch wie ästhetisch ebenso weiterentwickelt, wie ihre medialen Umwelten. Anlässlich des Geburtstags der Gattung gab es aber nur zwei Sender, die dieses Jubiläum mit Neuproduktionen feiern wollten. Deutschlandfunk Kultur förderte die auf dem Berliner Hörspielfestival erstmals live aufgeführte Radiorevue „FLESCHback“ von Melina von Gagern, Stella Luncke und Barbara Meerkötter und sendete sie in einer neuen Abmischung am 18.10.24 um 0.05 Uhr. Am 25.10. folgte ebenfalls um 0.05 Uhr „Radiologie – Entzauberung auf dem Sender“ von Andreas Ammer und dem Berliner Elektronik-Duo Driftmachine featuring Anton Kaun alias Rumpeln. Es war eine ebenso wütende wie lautstarke Verabschiedung des Hörspiels, wie wir es kennen. Der Autor dieser Zeilen gehört zum Leitungsteam des Berliner Hörspielfestivals, das die beiden Produktionen mit beauftragt hat.

Bandbreite der Möglichkeiten

Für den Hessischen Rundfunk zelebrierte Frank Witzel mit der Biografie des fiktiven Hörspielmachers Gerhard Preßler seinen Abschied vom Hörspiel eher melancholisch als wütend. Der Zweiteiler „Ein Leben im Ton“ wird am 20. und 27.10 auf HR 2 Kultur urgesendet. Witzels Stück, von Leonhard Koppelman inszeniert, speist sich aus großer Kenntnis der Hörspielgeschichte. Viele Hörspielheroen der vergangenen einhundert Jahre tauchen dort auf – und kommen meistens nicht besonders gut weg. Denn auch avantgardistische Kunst ist nicht immer gute Kunst – und Witzels fiktiver Protagonist Gerhart Preßler gehörte eher zu den mittelmäßigen Vertretern seines Genres.

Sehr gut hingegen kommt Ludwig Harig weg, der nicht nur fünf Jahre vor Ror Wolf das erste Fußballhörspiel gemacht hat, „in dem Permutation und Anakoluth als rhetorische Formen den Sachverhalt demonstrieren“, sondern der auch „seinerzeit praktisch im Jahresrhythmus ein neues Genre entwickelt“ habe. Da hat Witzel recht. Dem Hörspiel „Das Fußballspiel“ von 1966 folgte 1968 „Der Monolog der Terry Jo“, der zusammen mit dem Pionier der seriellen Poesie Max Bense entstanden war. Dem „Staatsbegräbnis“ von 1969 folgt 1976 ein zweites – das von Walter Ulbricht. „Katzenmusik“, „Fuganon in d“, „Ein Blumenstück“, alles herausragende Stücke des an der französischen Avantgarde geschulten Saarländers. Harig zeigte dem Hörspiel, was es konnte, wenn es sich selbst ernst nahm und sich nicht als abgeleitete Kunstform, als „Kino im Kopf“ begriff oder gar als Sendeplatzfüller für gelangweilte, unterhaltungsbedürftige Kulturbürger.

Die Erinnerung an diese Bandbreite der Möglichkeiten des Hörspiel ist offensichtlich wieder nötig, weil gegenwärtig der Trend zum schonend zubereiteten Kommensurablen geht – leider auch in den Bereichen, die sich als politisch fortschrittlich wähnen. Die Antwort auf die Frage, ob sich aus den wöchentlichen Sitzungen der Hörspielabteilungen der Landesrundfunkanstalten in einer virtuellen Gemeinschaftsredaktion und aus den aufwändigen Pitches für neue Hörspielserien etwas Gutes entwickelt, werden wir ab 2025 hören können. Hoffen wir, dass es nicht erst ein Stefano Giannotti sein muss, der aus diesen Sitzungen Kunst macht.

Jochen Meißner – KNA Mediendienst 24.10.2024

Update: Dieser Text wurde von Christian Bartels freundlich im beim MDR erscheinenden Medienwatchblog „Altpapier“ vom 29.10.2024 erwähnt.

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