RĂŒckblick auf den 14. Februar 2026
Alle Jahre wieder, so auch in diesem Jahr, fand in Dresden der geschichtsrevisionistische Gedenkmarsch anlĂ€sslich der Bombardierung Dresdens am 13. und 14. Februar 1945 statt. Folgten zum letztjĂ€hrigen 80. Jahrestag ĂŒber 2.500 Nazis dem Aufruf des âAktionsbĂŒndnis gegen das Vergessenâ, waren es in diesem Jahr mit knapp 1.500 zwar deutlich weniger, jedoch erreichte damit die Teilnehmendenzahl wieder das ĂŒbliche Niveau vor dem runden Jahrestag. Antifaschistische Proteste störten die Veranstaltung lautstark. Eine RoutenverkĂŒrzung, die 2025 mit Blockaden durchgesetzt werden konnte, war in der angemeldeten Route in diesem Jahr von vornherein angelegt.
Lutz Giesen. Quelle: Pixelarchiv
Offiziell versammelten sich die Nazis ab 12 Uhr hinter dem Bahnhof Mitte in der WeiĂeritzstraĂe, wo Lutz Giesen die Veranstaltung gegen 13 Uhr mit dem Verlesen der Auflagen eröffnete. Wie bereits in den letzten vier Jahren hatte der Greifswalder, der mittlerweile im mittelsĂ€chsischen Leisnig lebt, die Anmeldung des traditionellen Aufmarsches ĂŒbernommen. Giesen war Kader der âHeimattreuen Deutschen Jugendâ, arbeitete zwischen 2006 und 2011 fĂŒr die NPD im mecklenburgischen Landtag und ist seit ĂŒber 20 Jahren regelmĂ€Ăiger Gast in Dresden rund um den 13. Februar. Eingetroffen und aufgebaut waren bis dahin bereits Max Schreibers âFlamme der Erinnerungâ und die Ausstellung, die zum 80. Jahrestag erstmals gezeigt wurde. Allzu viel Interesse weckte diese damals aber weder zur innenstĂ€dtischen Mahnwache am 13. noch zum Gedenkmarsch-Auftakt am 15. Februar. Und auch in diesem Jahr hielt sich das GedrĂ€nge um die bedruckten Planen an BauzĂ€unen sehr in Grenzen.
Die âFlamme der Erinnerungâ von Max Schreiber. Quelle: Dokunetzwerk Rhein-Main
Bereits zwei Tage zuvor, am 12. Februar, startete Schreiber mit einem Autokorso samt Feuertonne in die Innenstadt, wo dann am Dr.-KĂŒlz-Ring vor der Altmarktgalerie ĂŒber drei Tage erneut eine Mahnwache stattfand â erneut mit ĂŒberschaubarer Resonanz im mittleren zweistelligen Bereich. Und auch als sich am nĂ€chsten Tag, am 13. Februar, zur âFlamme der Erinnerungâ die Ausstellung hinzugesellte, blieb der Ansturm erwartungsgemÀà aus. Denn festzustellen ist fĂŒr den 13. Februar in Dresden insgesamt, dass die Begehung dieses Tages als Gedenktag aus der Mode gekommen scheint. Weder die Kerzeninstallation noch das GlockenlĂ€uten auf dem Neumarkt locken jenseits der Nazis noch Menschen an, um still zu erinnern. Stattdessen inszenieren sich extrem rechte Streamer und Influencer mit ihren geschichtsrevisionistischen Botschaften. Die Menschenkette als Zeichen gegen die sogenannte Vereinnahmung eines vermeintlich integren Gedenkens an die Bombardierung Dresdens ging als Aktionsform und Symbol schon zu ihrem Beginn 2010 fehl, nun aber, obendrein geschrumpft, wirkt sie gĂ€nzlich fehl platziert. Zumal sich am Abend des 13. Februars nur noch die diversen extrem rechten Splittergruppen in der Innenstadt aufzuhalten scheinen: die WellenlĂ€nge am Altmarkt, Marcus Fuchs am Neumarkt, Burschenschaften am Kulturpalast oder eben Schreiber am Dr.-KĂŒlz-Ring. Die AfD hatte, wie bereits im letzten Jahr, auf eine Kundgebung auf dem Altmarkt verzichtet.
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Sven Skoda am Mikrofon. Quelle: Kai Schwerdt
Am 14. Februar nun begann der âTrauermarschâ der Nazis hinter dem Bahnhof Mitte pĂŒnktlich 14 Uhr mit ersten Reden von Lutz Giesen und Sven Skoda aus Dortmund, dessen AusfĂŒhrungen laut zahlreicher Berichte besonders durch Geschichtsrevisionismus und Antisemitismus auffielen. Eine halbe Stunde spĂ€ter nahm der Aufmarsch Aufstellung und lief in Richtung MaxstraĂe los. Die Route fĂŒhrte dann ĂŒber Ostraallee, Hertha Lindner StraĂe, Freiberger StraĂe, AmmonstraĂe, KönneritzstraĂe, SchwerinerstraĂe zurĂŒck in die WeiĂeritzstraĂe hinter den Bahnhof Mitte. Die Choreografie ist allen bekannt. Entsprechend routiniert fanden die Blöcke mit Transparenten und in FĂŒnferreihen geordnet zusammen. Dazwischen wurde reichlich Platz gelassen, sodass der letzte Teil des Aufmarschs gegen 15 Uhr loslief, als die Spitze bereits fast in die Hertha-Lindner-StraĂe einbog.
Fronttransparent des âTrauermarschesâ. Quelle: Tim Mönch
Die Spitze fĂŒhrte in diesem Jahr ein Transparent mit der Aufschrift âIm Schmerz vereintâ gefolgt von den KrĂ€nzen u.a. des âAktionsbĂŒndnis gegen das Vergessenâ. Getragen wurde der in diesem Jahr von Sebastian Reiche, zumindest am Anfang. Mit weiteren Transparenten prĂ€sentierten sich im Aufmarsch vor allem diverse NPD- oder âDie Heimatâ-Abwandlungen unterschiedlicher Altersgruppen und verschiedener Regionen. Die Freien Sachsen zeigten sich ebenso mit Banner. Die Jungen Nationalisten (JN) traten als ein Block auf und zeigten sich mit weinroten SchlauchtĂŒchern mit JN Logo. Die grĂŒnen SchlauchtĂŒcher mit Logo des III. Wegs ordneten sich im Gegensatz zum letzten Jahr, als sie bei der JN mitliefen, weiter hinten ein. AuĂerdem traten die âAktivisten aus dem Harzâ mit Transparenten auf sowie die Brandenburger mit dem jĂ€hrlich anwesenden âNiederschlesienâ-Banner. Insgesamt lĂ€sst sich festhalten, dass die Zahl der eigenen Banner abnimmt. Traten im letzten Jahr die Bautzner mit âUrbs Turriumâ Transparent auf, war das diesmal genauso wenig zu entdecken, wie eines der Active Clubs. âDie Rechteâ zeigte sich allerdings einmal mehr mit ihrem geschichtsrevisionistischen âBombenholocaustâ-Transparent. Nur wurde es in diesem Jahr durch die Polizei beschlagnahmt.
Quelle: VersaRed.Foto
Unter den Teilnehmenden waren, wie bereits in den letzten Jahren, viele (sehr) junge Neonazis, wieder im typischen Schlauchtuch-North Face-Jacken-Chic â vor allem in den Blöcken der JN und beim III. Weg. Mit dabei waren letztlich aber alle âGenerationenâ der hiesigen Naziszene: von alten âSkinheads SĂ€chsische Schweizâ, wie Thomas Sattelberg oder Enzo Kleist, alten âFreien KrĂ€ften Sachsenâ, wie Bernd Schillbach oder die KaulfuĂ-BrĂŒder, jĂŒngere âFreie KrĂ€fte Dresdenâ, wie Hans Böhm, ĂŒber Ehemalige der âFreien Kameradschaft Dresdenâ, wie Maik Krautz bis hin zu den zahlreichen jĂŒngeren Organisierungsversuchen von âElblandrevolteâ, JN, III. Weg oder Hochlandjugend. Ăber die Region Dresden hinaus reisten Teilnehmende vor allem aus Sachsen an, aber auch aus den angrenzenden ostdeutschen BundeslĂ€ndern. Die bundesweite und gar europĂ€ische Teilnahme blieb eher ĂŒberschaubar. Wie jedes Jahr waren aber Thorsten Heise, Thomas Wulff oder der mehrfach verurteilte Holocaust-Leugner Nikolai Nerling (âVolkslehrerâ) in Dresden dabei, ebenso Robin Schmiemann, Aktivist des Neonazinetzwerks âCombat 18â und einige Zeit Brieffreund der verurteilten NSU-Terroristin Beate ZschĂ€pe.
Robin Schmiemann. Quelle: Pixelarchiv
Der Eindruck, dass der Naziaufmarsch deutlich mĂ€nnlich dominiert ist, bestĂ€tigte sich auch im Bericht der Veranstalter. Dort schreibt man von âFreunden und Kameraden aus ganz Deutschland und aus zahlreichen europĂ€ischen LĂ€ndernâ, die marschierten und âFrauen und Kindern, [die beinahe zeitgleich in Mittelsachsen Lichter in die Mulde setzten].â
Beschlagnahmte Waffen aus dem Auto von Max Schreiber. Quelle: Versa.Red.Foto
Die Struktur des Aufmarschs brachte nichts Ăberraschendes: Die Ordnerfunktion ĂŒbernahm ĂŒberwiegend das Spektrum völkischer Siedler:innen. Auch Robin Schmiemann durfte als Ordner fungieren, trotzdem dieser vorbestraft ist â wegen eines RaubĂŒberfalls auf einen Supermarkt 2007, bei dem er einen Menschen niederschoss und beinahe tötete. Der Döbelner NPD- und Freie Sachsen-Aktivist und wegen Vermögensdelikten vorbestrafte Stefan Trautmann war wie in jedem Jahr ebenfalls mit Ordnerbinde unterwegs. Die KaulfuĂ-BrĂŒder Udo und Karsten waren wie immer in der Organisation beteiligt. Der Lautsprecherwagen wurde technisch u.a. von Yves Rahmel betreut. Beim Aufbau der BĂŒhne packte Sebastian Reiche mit an. Und ebenfalls wie in den Vorjahren bildete das âHaus Montagâ in Pirna den organisatorischen Knotenpunkt: als Vorabtreffpunkt zur gemeinsamen Anreise nach Dresden, als Lagerraum fĂŒr die Demonstrationsutensilien und als Location fĂŒr die âAftershowâ-Party. Max Schreiber fuhr mit seinem Auto seine âFlamme der Erinnerungâ per AnhĂ€nger im Aufzug mit. Zuvor durchsuchte die Polizei das Fahrzeug und fand dabei ein Messer und einen BaseballschlĂ€ger. Immer griffbereit befindet sich ĂŒblicherweise auch eine Axt am DachgepĂ€cktrĂ€ger auf Schreibers Auto.
Antifaschistische Proteste in Sicht- und Hörweite. Quelle: Dokunetzwerk Rhein-Main
Begleitet wurde der Aufmarsch von starken Protesten entlang der Route. Immer wieder mussten die Nazis stoppen, da es an der einen oder anderen Stelle gelang zumindest kurzzeitig die Route zu blockieren. Doch die Polizei sorgte mit einem Ă€uĂerst robusten Vorgehen incl. Einsatz von Pfefferspray und FĂ€usten fĂŒr freies Geleit â leider auch eine Dresdner Tradition zu diesem Anlass. So eskortiert erreichte der Gedenkmarsch bereits gegen 16 Uhr seinen Ausgangspunkt, wo nach BĂŒhnen- und Technikaufbau zum Abschluss die Gedenkstunde folgte. KrĂ€nze werden vor der BĂŒhne drapiert, Fackeln entzĂŒndet und Phil von Flak singt begleitet von seiner Gitarre. Danach ist wie in jedem Jahr Edda Schmidt an der Reihe âvon frĂŒherâ zu erzĂ€hlen, gefolgt von Lutz Giesen mit ein paar Worten zur Ausstellung sowie zu Gert BĂŒrgels 2020 erschienenen âMemento Dresden 1945: Gedenkbuch der Namenâ. Im Anschluss verlesen Nico Koal, neben drei Frauen die Namen bombardierter â natĂŒrlich deutscher â StĂ€dte. Mit einer gehörigen Portion Pathos folgen Gedichte, Texte, das Lied zum Dresden Gedenken, ein Auszug aus Jörg Friedrichs âDer Brandâ. 17 Uhr 30 ist das Gedenken nach obligatorischer Schweigeminute und Hymnensingen in drei Strophen endlich wieder geschafft. Bis zum nĂ€chsten Jahr.
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