Von HĂŒhnern lernen
Journalismus ist möglich III
Ich war 3. Hier beginnen meine bewussten Lebenserinnerungen. Ich war ein Vierteljahr bei meinen Grosseltern untergebracht. Sie lebten in einem Behelfsheim in Glinde bei Hamburg, mit einem idyllischen Garten und eine âStrasseâ, die jeden StossdĂ€mpfer der bereits frei herumfahrenden Autos bei ĂŒber 20 km/h sofort ermordet hĂ€tte. Ein Kinderparadies also. Ich war mit 3 oben auf dem Hamburger Michel, der Hafen sah damals schon unfassbar grossartig aus, aber: untenrum am Michel, 15 Jahre nach dem Krieg, nur TrĂŒmmer und Zerstörung.
In dem erwĂ€hnten Garten hielten mein Grosseltern in einem gut gesicherten KĂ€fig einen Hahn und 4 oder 5 HĂŒhner. Alle weiss. Nur eins war schwarz. Das war Pizzi und wurde meine Freundin. Denn es wurde von den Weissen immer erst als Letztes ans Futter gelassen. Und der böse Hahn war auch immer ganz gemein. Nach einigen Jahren erhielten meine Grosseltern eine Sozialwohnung in Glinde-Wiesenfeld, da, wo Jan van Aken aufgewachsen ist. Da war Schluss mit HĂŒhnern, irgendjemand wird Pizzi gegessen haben. Kinderparadies war auch vorbei. Das wurde ersetzt durch einen sonnigen Westbalkon und einen funktionierenden Fernseher.
Wie kommichdrauf?
Mein heutiger Lieblingstext des Tages ist, ebenfalls nicht zum ersten Mal, von dem fabelhaften Landwirtschaftsreporter Florian Schwinn/overton:
âDie Henne und das Osterei â Alle Jahre wieder feiern wir ein Fest der Eier oder wenigstens eines mit Eiern. Schon Wochen vorher bieten die SupermĂ€rkte bunt gefĂ€rbte gekochte Eier an. Schön in Plastikblister verpackt, damit man die Farben auch sehen kann. Je nĂ€her Ostern rĂŒckt, desto mehr Eier werden angeboten, auch frische in hoch gestapelten Kartons, daneben die Eierfarben zum SelberfĂ€rben.â
Noch einer hat Misik gelesen
Der hochgeschĂ€tzte Kolumnisten-Kollege RenĂ© Martens/MDR-Altpapier hat, wie ich gestern, Robert Misik gelesen. Ăhnlich kritisch, nur wesentlich kĂŒrzer angebunden formuliert.
âDie Freiheit, andere zum Schweigen zu bringen â Viele vermeintliche KĂ€mpfer fĂŒr die Meinungsfreiheit sind ihre gröĂten Gegner. Die Debatte um sogenannte Blasen ist auch schon lange kontraproduktiv. Und Wolfram Weimer macht wieder Wolfram-Weimer-Sachen.â
Abgesehen davon, dass ich Autor Martens immer lesenswert finde, gibt es ein von ihm verwendetes Zitat, das mir heute eine besondere ErwÀhnung wert ist:
Es ist ein Zitat des Tagesspiegel-Autors Sebastian Leber:
âWeil Opfer dieser Angriffe meist allein gelassen werden, macht sich Vermeidungsverhalten breit. Politiker, Journalisten und Vertreter der Zivilgesellschaft achten darauf, bloĂ nichts von sich zu geben, das die Empörer fĂŒr eine Kampagne nutzen könnten. Es zeigt sich ein klares Muster: Nicht nur Positionen werden von Protagonisten des Rechtsrucks bekĂ€mpft, sondern zunehmend auch das Recht, diese zu Ă€uĂern.â
Exakt dieses âVermeidungsverhaltenâ berichtete mir ein freier Autor am letzten Samstag beim gemeinsamen Fussballgucken aus den Redaktionen der öffentlichen Medienanstalten als herrschende Stimmung und Leere. Wie ich gestern schon schrieb: ein Bild des Jammers.
Meine individuelle Konsequenz ist MediendiÀt. Politisch keine Lösung, ich weiss. Aber ich muss auf meine Gesundheit achten.