Perlen in der Wand
Was passiert, wenn Zensor*innen durchziehen
mit Update nachmittags
Der immer kompetente Sebastian Meineck/netzpolitik berichtet wie immer streng sachlich aus dem Hamsterrad deutscher Porno-Zensor*inn*en: âMedienwĂ€chter wollen noch mehr Netzsperren fĂŒr Pornoseiten â Nach jahrelangem Ringen gegen Pornoseiten bekommt die Medienaufsicht neue Instrumente. Ab 1. Dezember darf und will die Behörde mehr Netzsperren anordnen und Zahlungen unterbinden. Porno-Produzentin Paulita Pappel vergleicht das Vorgehen mit autoritĂ€ren Regimen.â Bei diesem Anblick denke ich immer: schade um das schöne Geld. Die Wenigsten wissen, dass das emsige vergebliche Treiben deutscher Landesmedienanstalten von unser aller TV-HaushaltsgebĂŒhr bezahlt wird. In bessere TV-Programme, mit ihrer weitrĂ€umigen Luft nach oben, wĂ€re es wahrlich besser angelegt.
Was wird nun passieren, wenn sich die BehĂŒtungs- und Zensor*inn*entruppen kraftvoll zusammenschliessen und durchsetzen? Der grassierende Mangel an Medienkompetenz spricht dafĂŒr, dass es so kommen wird.
Eine Antwort findet sich beim WĂŒhlen in der Bezahlmauer von Jakob Augstein. Der MultimillionĂ€rssohn verrammelt seine Wochenzeitung Freitag gegen öffentliches Lesen. Ausser einen Beitrag aus dem Guardian, und der ist extrem lesenswert, praxisnah und gesĂ€ttigt mit Lebenserfahrung:
Gabriel V Rindborg/Guardian/Freitag: âStreaming-Dienste treiben Zuschauer zurĂŒck zur Piraterie â Filmfans wenden sich zunehmend VPNs und illegalen Streaming-Diensten zu. Schweden, Heimat von Spotify und The Pirate Bay, nimmt dabei eine Vorreiterrolle einâ.
Was der Gute zu den Auswirkungen der Mauerstrategie der Streamingdienste schreibt, das gilt in gleicher und noch weitreichender Weise fĂŒr Zensur und Verbotsversuche. Es sind die Kinder und Jugendlichen, auch Ihre persönlichen Kinder und Enkel*innen, die in der Technikkompetenz ihren Eltern, Lehrer*innen und den verbotssĂŒchtigen, greisen Politiker*innen immer 3-5 Schritte voraus sind. Leinenzwang oder âohneesseninnettbettâ wird es eher noch befeuern.
Hauptsache die Reflexe der Mehrheit der ahnungslosen alten Mehrheit sind bedient. Eine medieninkompetente politische Klasse simuliert Handeln. Die AfD sammelt und freut es. Die junge Minderheit wundert sich und wendet sich ab.
Merke: die Jungen verstehen schneller, sie sehen und hören alles, und mehr als wir Alten. Das hat nicht mit der Digitalisierung begonnen, sondern mit der menschlichen Evolution. Nicht die Medien sind das Problem, sondern die gesellschaftliche Wirklichkeit, die durch sie sichtbar wird.
Update nachmittags
Es sind noch Perlen dazugekommen. Die Medienwelt ist also nicht nur schlecht.
Vor gut einem Jahr kritisierte der Kollege Gilbert Kolonko hier in einem Leserkommentar âHeise wie Telepolis haben sich zu News-Fabriken entwickelt- Billig-News-Fabrikenâ. Damals fand ich das etwas hart, weil es Ausnahmen gab und gibt. Mein Gesamteindruck freilich, insbesondere was das unauffĂ€lligere weitgehend konformistische Agendasetting betrifft, hat sich Kolonkos Kritik immer mehr angenĂ€hert. Das peinliche Topping ist die immer penetranter sich wiederholende narzisstische SelbstbeweihrĂ€ucherung durch Chefredakteur Neuber. Der Arme muss sehr unter Druck stehen âŠ
Wie kommichdrauf? Zwei lobenswerte Ausnahmen:
Zachary Paikin/Quincy-Institute, Responsible Statecraft/telepolis: âKurswechsel in der Ukraine-Politik: EuropĂ€ische Spitzenpolitiker bereiten Kompromisse vor â Vor Alaska-Gipfel: Es gilt vorsichtiger Optimismus â solange die Hauptbeteiligten sich nicht selbst im Weg stehen.â
Bernard Schmid/telepolis: âMuslimbrĂŒder-Panik in Frankreich: Politik zwischen Feindbild und Doppelmoral â WĂ€hrend Paris Katar hofiert, wird die Angst vor islamistischen Netzwerken politisch aufgeladen â oft losgelöst von der RealitĂ€t.â
Beide Autoren befleissigen sich des Pozessdenkens und der materialistischen Analyse. Das ist das, was ich von qualifizierten Journalist*inn*en und Autor*inn*en erwarte. Und das auch hier im Extradienst nicht immer geliefert wird. Aber wir werden auch nicht dafĂŒr bezahlt âŠ
Und schliesslich noch aus der uebermedien-Paywall entschlĂŒpft:
Die Ex-Beuelerin Annika Schneider schreibt: âDubiose Telegram-Werbung: Der Kryptobot der âTagesschauâ â Die ARD-Nachrichtensendung verdient in ihrem Telegram-Kanal an Werbung fĂŒr dubiose FuĂballwetten mit â und merkt es nicht. Nach dem Hinweis einer Nutzerin und einer Anfrage von Ăbermedien will die Redaktion den Kanal nun abschalten.â
Aus Schneiders Darstellung geht hervor, dass die Sache der âTagesschauâ immerhin angemessen peinlich ist, und sie sich mitsamt der ARD als ertappte SĂŒnderin gibt. Dieses sittliche Gebaren ist der ARD im Falle ihrer Sportschau völlig fremd. Bei Berichten von Spielen der Deutschen Fussball-Liga (DFL), dem Kartell des Profifussballs der Herren, wird Sponsorenwerbung semikrimineller Wettanbieter gesendet, als gĂ€be es kein Morgen mehr. Weil es so in den nichtöffentlichen â noch nicht mal den RundfunkrĂ€t*inn*en zugĂ€nglichen â VertrĂ€gen steht. Und in denen steht, dass die ARD fĂŒr diese Werbung kein Geld bekommt, sondern im Gegenteil einen sehr grossen Haufen Geld, dessen Umfang geheimgehalten wird, bezahlt. Unser Geld!