Recht auf Reparatur
Der lange Weg zu einer nachhaltigen Konsumkultur
Weniger wegwerfen, mehr reparieren: Damit die groĂe Idee der Kreislaufwirtschaft endlich Wirklichkeit werden kann, fĂŒhrt Deutschland bald ein neues Gesetz ein. Doch das âRecht auf Reparaturâ könnte verpuffen, wenn die Preise nicht sinken und wir unsere Konsumkultur nicht verĂ€ndern.
Muharrem Batman sitzt auf einem Drehhocker und beugt sich mit prĂŒfendem Blick ĂŒber einen vollbeladenen Werkstatttisch. Irgendwo hier muss seine Uhrmacher-Lupe liegen, doch zwischen Werkzeugen und Kleinteilen ist sie schwer zu finden. Es ist fast wie auf einem Wimmelbild: Schraubendreher in zahlreichen GröĂen liegen herum, zwischen ihnen sprieĂen dicke und dĂŒnne Elektrokabel hervor. Eigentlich mĂŒsse er mal wieder aufrĂ€umen, schmunzelt der Mann mit den kurzen grauen Haaren. âAber ich liebe mein Chaos auch.â
Es dauert nicht lange, bis er mittendrin die Lupe findet. Er kneift ein Auge zusammen, mit dem anderen schaut er durch die Linse und untersucht die Druckknöpfe eines alten CD-Players. Es ist ein silbernes, eckiges GerÀt aus den 90er-Jahren. Die Anlage reagiert nicht mehr, ein Kunde hat sie zum Reparieren vorbeigebracht. Wahrscheinlich sind die Knöpfe schuld, vermutet der Fachmann und nimmt einen von ihnen auseinander.
Muharrem Batman trĂ€umt vom Ende der Wegwerfgesellschaft. GerĂ€te auseinanderbauen, Fehler finden, Technik wieder zum Laufen bringen â das ist sein Default-Mode. Sechs Tage die Woche, von Montag bis Samstag, immer zwischen 10 und 20 Uhr ist er in seinem GeschĂ€ft âBatmans RepaircafĂ©â in Berlin-Neukölln anzutreffen. In der Zeit können Kund*innen ihre defekte Technik bei ihm abgeben.
Jedes Jahr werden etwa drei Millionen Tonnen neue ElektrogerĂ€te auf den deutschen Markt gespĂŒlt, vieles davon wird irgendwann zu Elektroschrott und zum Problem fĂŒr die Umwelt. Die Politik hat das seit lĂ€ngerem erkannt, doch der Weg zum nachhaltigeren Umgang mit Technik ist lang. Ein neues âRecht auf Reparaturâ in der EU soll helfen. Damit es zum Erfolg wird, braucht es Menschen wie Muharrem Batman â und eine richtig gemachte Umsetzung in Deutschland.
Deutschland hat ein Elektroschrott-Problem
Elektroschrott stellt die Menschheit vor ein groĂes Problem. Wenn er im normalen Hausabfall landet, kann es passieren, dass er unsachgemÀà verbrannt wird und dabei umweltschĂ€dliche DĂ€mpfe entstehen. Wie viel Elektroschrott falsch entsorgt wird, lĂ€sst sich nur schĂ€tzen. 2022 ging das Umweltbundesamt von 86.000 Tonnen aus, seitdem hat die Gesamtmenge der genutzten GerĂ€te weiter deutlich zugenommen.
In Deutschland gibt es deshalb eine Mindestsammelquote fĂŒr elektronische AltgerĂ€te, die in kommunalen Wertstoffhöfen oder ElektrofachmĂ€rkten abgegeben werden mĂŒssen. Demnach mĂŒssten 65 Prozent alter GerĂ€te fachgerecht gesammelt werden wie neue angeschafft werden. Das selbstgesteckte Ziel verfehlt Deutschland meilenweit. 2024 wurden 920.000 Tonnen AltgerĂ€te fachgerecht entsorgt, das ist weniger als ein Drittel der pro Jahr neu auf den Markt gebrachten GerĂ€te.
Etwa 80 Prozent dieser alten GerĂ€te werden recycelt. Das ist besser, als sie im HausmĂŒll verschwinden zu lassen, weil manche der verbauten Rohstoffe wiederverwertet werden können. Doch auch Recycling ist nicht unproblematisch, weil Rohstoffe verloren gehen, statt sie in andere ProduktkreislĂ€ufe einzubauen. Am besten wĂ€re es deshalb, man wĂŒrde so viele gebrauchte GerĂ€te wie möglich reparieren und weiternutzen. Derzeit geschieht das aber nur bei zwei Prozent der gesammelten GerĂ€te.
Das Recht auf Reparatur soll ElektromĂŒll reduzieren
Die EuropĂ€ische Union hat deshalb vor einigen Jahren weitreichende PlĂ€ne fĂŒr eine nachhaltige Konsumwirtschaft beschlossen. Das Ziel ist es, bis 2050 vollstĂ€ndig kreislauforientiert und klimaneutral zu wirtschaften. In der Kreislaufwirtschaft sollen Ressourcen und Produkte so lange wie möglich wiederverwendet, repariert und recycelt werden, um weniger Ressourcen zu verbrauchen und AbfĂ€lle zu reduzieren. Ein Baustein, um den Konsum umweltschonender zu machen, ist das Reparieren.
Im Juli 2024 ist eine EU-Richtlinie zum Recht auf Reparatur in Kraft getreten, derzeit sind die Mitgliedsstaaten mit der Umsetzung auf nationaler Ebene an der Reihe. In Deutschland hat die Bundesregierung dafĂŒr bis zum 31. Juli 2026 Zeit. Einen ersten Entwurf hat das Bundesjustizministerium im Januar vorgelegt, den Bundesjustizministerin Hubig als wichtigen Beitrag fĂŒr âeine neue Kultur des Reparierensâ vorstellte.
Das ĂŒbergeordnete Ziel des Gesetzes: Reparaturen sollen verbraucherfreundlicher werden, weil sie lĂ€nger möglich und einfacher umzusetzen sind. DafĂŒr sollen Reparaturen von bestimmten technischen GebrauchsgĂŒtern wie Waschmaschinen, Staubsaugern oder Smartphones kĂŒnftig âunentgeltlich oder zu einem angemessenen Entgeltâ angeboten werden, auch nachdem die GewĂ€hrleistungsfrist abgelaufen ist. Hersteller dĂŒrfen die Reparierbarkeit ihrer Produkte nicht mehr verhindern, zum Beispiel durch ausbleibende Updates oder indem sie technische SchutzmaĂnahmen einbauen. AuĂerdem werden sie verpflichtet, Ersatzteile zu einen âangemessenen Preisâ an HĂ€ndler und WerkstĂ€tten zu verkaufen.
Ob Reparaturen in Deutschland tatsĂ€chlich verbraucherfreundlicher werden, hĂ€ngt maĂgeblich davon ab, wie die EU-Richtlinie im Detail umgesetzt wird. Die Ausgangslage ist gut: 78 Prozent der deutschen Verbraucher*innen wĂŒnschen sich, ihre elektronischen GerĂ€te einfacher reparieren lassen zu können. Zu dem Ergebnis kommt eine international angelegte Studie des NĂŒrnberger Instituts fĂŒr Marktentscheidungen.
Dass ElektrogerĂ€te bislang meist entsorgt, statt repariert werden, liegt vor allem an den zu hohen Kosten. Dies ist laut einer Umfrage des Forschungsinstituts forsa der am hĂ€ufigsten genannte Grund, der eine Reparatur verhindert. Befragte geben auĂerdem an, dass sie sich gegen eine Reparatur entschieden hĂ€tten, weil die zu umstĂ€ndlich gewesen sei, ein Fachmensch davon abgeraten habe oder passende Ersatzteile gefehlt hĂ€tten.
Kreatives Chaos zwischen Kunst und Schrott
FĂŒr Muharrem Batman sind Reparaturen nicht nur ein Job, sondern eine Lebensaufgabe. Schon als Kind sei er ein âFreak-Bastlerâ gewesen, sein Vater habe ihn frĂŒh mit auf FlohmĂ€rkte genommen und ihm geraten, âetwas zu machen, das sonst keiner machtâ. Mitte der 90er-Jahre als junger Erwachsener in den Treptower Hallen wusste er deshalb ziemlich gut, welche elektronischen GerĂ€te und welches Zubehör er aufkaufen musste, um sie zu reparieren, aufzupolieren und weiterzuverkaufen.
Seit mehr als 20 Jahren ist der Neuköllner nun Ansprechpartner fĂŒr Reparaturen in Neukölln, seit 2021 findet man sein GeschĂ€ft im legendĂ€ren alten Karstadt-GebĂ€ude am Hermannplatz. Nach der Pleite der Warenhauskette soll das Galeria Kaufhaus zum Treffpunkt fĂŒr den Kiez werden, mit LebensmittelgeschĂ€ften, Gastronomie und RĂ€umen fĂŒr Vereine. Mittendrin: Batmans Repaircafe.
Betritt man das GeschĂ€ft, bleibt der Blick an einer Schaufensterpuppe im Eingangsbereich hĂ€ngen. Sie ragt aus einem Berg aus Röhrenfernsehern, Drehscheibentelefonen und elektronischen KĂŒchengerĂ€ten empor und dreht sich fortwĂ€hrend um sich selbst. Die Puppe ist nackt, nur alte ElektrogerĂ€te muss sie tragen. Um ihren Hals sind schwarze Kabel gewickelt, an deren Enden ein gelbes BĂŒgeleisen von Philips, ein Standmixer ohne Aufsatz und ein roter Föhn hĂ€ngen. In der einen Hand hĂ€lt die Puppe ein RĂŒhrgerĂ€t und einen Toaster, in der anderen ein GlĂ€tteisen und eine Polaroidkamera.
Schaut man sich im GeschÀft weiter um, fallen Modellköpfe ins Auge, die auf einer Glasvitrine stehen und mit Kabeln frisiert sind. Auf dem einen wachsen alte Litzenkabel zu zwei fransigen Zöpfen zusammen, an dem anderen zu einem geflochtenen Bart, der dritte trÀgt einen blauen Irokesenschnitt. Muharrem Batman hat die BlickfÀnger selbst aus Elektroschrott gebaut. Seine Kunstwerke bestehen aus alten KleingerÀten, die Menschen weggeworfen haben.
Inmitten dieses kreativen Chaos aus Kunst, Schrott, Werkzeugen und Ersatzteilen schraubt der Bastler an GerĂ€ten wie dem silbernen CD-Player. Batmans Reparaturbetrieb heiĂt âRepaircafĂ©â, obwohl er selbst lieber von einer Werkstatt sprechen wĂŒrde, weil er dieselben Leistungen wie in herkömmlichen Reparaturbetrieben anbietet. So darf der Inhaber sein GeschĂ€ft aber nicht nennen, weil er auf dem Papier keinen Meisterabschluss vorzuweisen hat. Seine Kund*innen kommen trotzdem immer wieder, erzĂ€hlt Batman, auch wegen der fairen Preise. âDa bin ich sehr sozial und die wissen: Der ist korrekt.â
Wie teuer dĂŒrfen Reparaturen sein?
Studien zufolge werden Reparaturen fĂŒr Verbraucher*innen dann zu einer realen Entscheidungsoption, wenn sie den Geldbeutel nicht zu stark belasten und die Kosten im VerhĂ€ltnis zum Neupreis nicht zu hoch sind. Verschiedene Studien kommen zu dem Schluss, dass Verbraucher*innen eine Reparatur nicht mehr in Betracht ziehen, sobald der Preis höher als 30 Prozent des Neupreises liegt. Laut dem NĂŒrnberger Institut fĂŒr Marktforschung liegt die Preisschwelle sogar nur zwischen 15 und 20 Prozent.
Um die Preisgestaltung ringen verschiedene VerbĂ€nde bei der deutschen Umsetzung des Rechts auf Reparatur hart. Ausgerechnet diese Frage bleibt im Gesetzesentwurf der Bundesregierung schwammig. Denn die Formulierung eines âangemessenen Entgeltsâ ermöglicht keinen Aufschluss, welche Preise Verbraucher*innen kĂŒnftig tatsĂ€chlich erwarten werden.
Das kritisiert etwa Keo Sasha Rigorth vom Verbraucherzentrale Bundesverband (vzbv) in einer Pressemitteilung: âMit Blick auf den teuer werdenden Verbraucheralltagâ sei das unverstĂ€ndlich. âEin ElektrogerĂ€t zu reparieren, statt es wegzuwerfen, sollte die Umwelt und gleichzeitig den Geldbeutel der Menschen schonen.â
68 Prozent der HĂ€ndler und 63 Prozent der Hersteller gehen infolge des neuen Rechts von steigenden Kosten fĂŒr Reparaturen aus. Zu dem Ergebnis kommt eine Studie des IFH Kölnaus dem Jahr 2025, fĂŒr die Verbraucher*innen, FachhĂ€ndler und Hersteller befragt wurden, welche VerĂ€nderungen sie infolge des Reparaturrechts erwarten. Die GrĂŒnde fĂŒr erwartete Kostensteigerungen liegen beispielsweise in steigenden Kosten fĂŒr zusĂ€tzlichen Personalbedarf, weil mehr Menschen Reparaturen nachfragen wĂŒrden. Zudem mĂŒssten Hersteller Ersatzteile lĂ€nger lagern.
Zum ersten Entwurf des Justizministeriums haben 26 Interessenvertretungen Stellung bezogen. Eine davon ist die Deutsche Industrie- und Handelskammer (DIHK), die mehr als drei Millionen Unternehmen in Deutschland vertritt. Anders als der vzbv bewertet der Verband die gesetzliche Vorgabe eines âangemessenen Preisesâ fĂŒr Reparaturen als Vorteil fĂŒr Verbraucher*innen. Allerdings könnten WerkstĂ€tten infolge des neuen Rechts gezwungen sein, Reparaturen zu Preisen unterhalb der tatsĂ€chlichen Kosten durchzufĂŒhren, so die Sorge der DIHK.
Noch weniger aufseiten der Verbraucher*innen steht der Handelsverband Deutschland (HDE), der ebenfalls Stellung bezogen hat. Der HDE vertritt rund 280.000 Einzelhandelsunternehmen und fordert, neben sĂ€mtlichen Kosten eine ĂŒbliche Gewinnspanne in den Reparaturpreis einzuberechnen.
Trotz der kritischen RĂŒckmeldungen bleibt die Schwammigkeit im finalen Gesetzentwurf, den die Bundesregierung Ende MĂ€rz beschlossen hat, bestehen. Allerdings ist nicht mehr von einem âangemessenen Preisâ die Rede, sondern von einem âangemessenen Entgeltâ.
Neue Aufgaben fĂŒr alte Knöpfe
Muharrem Batman sagt, er könne seine gĂŒnstigen Preise deshalb anbieten, weil er âkein Diplom mit goldenem Rahmen an der Wand hĂ€ngenâ hat. Hinzu kommt, dass er fĂŒr seine LadenflĂ€che im Galeria Kaufhaus kaum Miete zahlen muss. Die GeschĂ€ftsfĂŒhrung sei kulant und unterstĂŒtze seine TĂ€tigkeit, erzĂ€hlt der TĂŒftler. Das ReparaturgeschĂ€ft bringe schlieĂlich neuen Schwung ins Haus, von dem beide Parteien profitieren. Auch Personalkosten fallen neben Batmans eigenem Gehalt nicht an.
Ihm sei es wichtig, dass sich jede*r eine Reparatur bei ihm leisten kann, erzĂ€hlt Batman, wĂ€hrend er sich ĂŒber den vollbepackten Werkzeugtisch beugt. Da Ersatzteile ein Preistreiber sein können, gerade wenn man sie in gröĂeren Mengen vorhalten muss, hat der Neuköllner dafĂŒr eine gĂŒnstige und naheliegende Lösung gefunden: Er sammelt sie aus alten ElektrogerĂ€ten, die Kund*innen zur Entsorgung bei ihm abgegeben haben oder deren Defekt eine Reparatur nicht mehr beheben kann.
Der TĂŒftler nutzt alles, was noch wiederverwendbar ist. In etwa der HĂ€lfte aller FĂ€lle könne er auf seinen wachsenden Bestand an Ersatzteilen zurĂŒckgreifen. Batmans Art zu reparieren gibt eine Vorahnung darauf, wie eine nachhaltige Konsumkultur aussehen könnte, die nicht davon geprĂ€gt ist, immer mehr Gewinn erzielen zu wollen.
Auch fĂŒr den alten CD-Player könnte er die passende Lösung haben. Ein paar Ersatzteile liegen auf dem Tisch verteilt. Der Bastler fischt einen Druckknopf heraus, den er bis zur Elektroplatte auseinanderbaut. Er fĂŒhrt daran vor, wie der Kontakt in so einem Knopf funktioniert und weshalb am CD-Player nichts mehr passiert, wenn man auf einen Knopf drĂŒckt: Die Köpfe sind von innen korrodiert und reagieren deshalb nicht mehr.
Hersteller in die Pflicht nehmen
Dass Ersatzteile ein Preistreiber sein können, hat auch der Gesetzgeber erkannt. Der Entwurf der Bundesregierung sieht deshalb auch fĂŒr sie einen âangemessenen Preisâ vor. Aber auch hier gehen die Meinungen auseinander, was das genau heiĂen sollte.
Die Nichtregierungsorganisation Germanwatch e.V. gibt auf Nachfrage von netzpolitik.org an, dass Ersatzteile einen Preis von 15 bis 20 Prozent des Gesamtneupreises nicht ĂŒbersteigen sollten. Bis zu dieser Preisschwelle könne der Gesamtpreis einer Reparatur noch unter der 30-Prozent-Quote liegen. Ausgenommen sollten nur FĂ€lle sein, âin denen die tatsĂ€chlichen Produktionskosten fĂŒr Ersatzteile diese Marke fĂŒr Hersteller zu einem MinusgeschĂ€ft machen wĂŒrden.â
Der vzbv fordert, Hersteller stĂ€rker in die Pflicht fĂŒr faire Ersatzteilpreise zu nehmen und auf europĂ€ischer Ebene Kriterien fĂŒr âangemesseneâ Ersatzteilpreise zu definieren. Bisher könnten diese im betriebswirtschaftlichen Sinne als âangemessenâ gelten, praktisch die Inanspruchnahme einer Reparatur jedoch wirtschaftlich unattraktiv machen, kritisieren die VerbraucherschĂŒtzer*innen. ZukĂŒnftig sollten Hersteller Ersatzteilpreise dann nicht mehr so weit erhöhen dĂŒrfen, dass der Reparaturpreis Verbraucher*innen abschreckt.
Vertreter der Online-Community iFixit gehen noch einen Schritt weiter und kritisieren, dass Hersteller Preise weiterhin variabel bestimmen könnten, solange es keine bindenden Informationspflichten gebe, die die Preise fĂŒr Ersatzteile festlegen. âDeswegen brauchen wir verbindliche Reparaturvorschriften, die Angaben zur ReparaturfĂ€higkeit des Designs sowie zur langfristigen VerfĂŒgbarkeit erschwinglicher Ersatzteile enthaltenâ, fordert Thomas Opsomer aus dem Policy Team von iFixit gegenĂŒber netzpolitik.org. Die Informationen sollten an der Verkaufsstelle dargestellt sein, damit Verbraucher*innen mit deren Hilfe ihre Kaufentscheidung abwĂ€gen können.
Um die Konsumkultur heute zu verĂ€ndern, mĂŒssten Hersteller in die Pflicht genommen werden fĂŒr das, was sie produzieren und wie sie produzieren, sagt Thomas Opsomer. Er und seine Kolleg*innen von iFixit hatten sich auch in den europĂ€ischen Gesetzgebungsprozess eingebracht. Das Unternehmen betreibt eine Plattform fĂŒr die nach eigener Auskunft gröĂte Reparatur-Community der Welt.
Ein Anfang wĂ€re gemacht, so Opsomer, wenn ReparaturfĂ€higkeit zur rechtmĂ€Ăigen Grundlage fĂŒr alle GerĂ€tearten erklĂ€rt wĂŒrde und nicht, wie bislang, nur fĂŒr einige wenige. Ausnahmen könne man spĂ€ter noch definieren. Aktuell gilt das Recht auf Reparatur beispielsweise nicht fĂŒr elektronische KleingerĂ€te wie Kaffeemaschinen, Toaster und Kopfhörer.
Eine andere Konsumkultur muss gewollt sein
Damit das Recht auf Reparatur zur gelebten Praxis werde, brauche es ein Umdenken in der Gesellschaft, fĂŒhrt Thomas Opsomer weiter aus. Ein nicht-reparierbares Produkt, das kurzfristig billig sei, werde schlieĂlich langfristig teuer, sowohl fĂŒr den Geldbeutel als auch fĂŒr die Umwelt. Ein reparaturfĂ€higes Produkt sei hingegen kurzfristig teurer, wĂŒrde langfristig aber billiger werden. Ein solcher MentalitĂ€tswandel wĂ€re jedoch schwer vorstellbar, solange die Verbraucher stĂ€ndig mit Werbung fĂŒr neue Produkte konfrontiert werden.
Am Ende muss mehr als nur der Preis stimmen: Es brĂ€uchte auch ein gröĂeres kollektives BedĂŒrfnis, das zu erhalten, was da ist, statt etwas Neues zu konsumieren. Ăberkonsum und Elektroschrott sind ein gesellschaftliches Problem, das nur bedingt durch individuelles Handeln gelöst werden kann.
Heutzutage werde die Last der richtigen Konsumentscheidung jedoch permanent den Verbraucher*innen aufgebĂŒrdet, kritisiert Autor Gabriel Yoran in seinem Buch âDie Verkrempelung der Weltâ. Selbst wohlmeinende Verbraucherschutzorganisationen wĂŒrden dazu beitragen, die Problemlösung auf das Individuum zu verschieben.
Auch das Recht auf Reparatur ist eine individuelle Lösung. FĂŒr eine nachhaltige Konsumkultur brĂ€uchte einen grundlegenden Strukturwandel. Am Ende muss mehr repariert werden als ein paar ElektrogerĂ€te: unser Wirtschaftssystem.
Die Idee der Kreislaufwirtschaft kommt dem benötigten Strukturwandel derzeit am nĂ€chsten und erschwingliche Reparaturen sind ein Schritt in die richtige Richtung. Allerdings werden Hersteller wohl nicht auf diesem Weg vorangehen. Ihr Ziel besteht weiterhin darin, das BedĂŒrfnis des Konsumierens durch neue Produkte zu stillen oder neue BedĂŒrfnisse zu kreieren.
Ein Ort, wo Menschen einander helfen
Muharrem Batman wĂ€re nicht Muharrem Batman, wenn er fĂŒr das Problem der Konsumkultur nicht auch eine Lösung im Kopf hĂ€tte. Am liebsten wĂŒrde er die verschiedenen Probleme des digitalen, spĂ€tkapitalistischen Lebens auf einen Schlag lösen: den linearen Konsum, die leerstehenden InnenstĂ€dte, die Vereinzelung im Alltag. Immer noch sitzt er auf seinem Drehhocker vor dem Werkstatttisch. WĂ€hrend er von seiner Zukunftsvision erzĂ€hlt, verschrĂ€nkt er die HĂ€nde hinter dem Kopf.
âIch möchte, dass Menschen wieder zusammenkommen â aber analog, so wie es frĂŒher war. Meine Vision ist ein Ort, wo alles unter einem Dach ist, was Nachhaltigkeit, Umwelt und soziales Leben betrifft. Wo sich Menschen gegenseitig helfen, etwas unternehmen, zusammen basteln und tĂŒfteln. Ein zentraler Punkt, wo der Mensch sich selbst gegenĂŒbersteht.â
Diesen Ort nennt Batman âErlebniskaufhausâ. Dort sollen im Regal Gebrauchtwaren neben Neuwaren stehen. Wenn Menschen sehen, dass da kein QualitĂ€tsunterschied ist, wĂŒrden sie sich hoffentlich eher fĂŒr ein repariertes Produkt entscheiden. Im Erlebniskaufhaus mĂŒsste es auĂerdem in jeder Warenabteilung eine adĂ€quate Werkstatt geben, in der Fachpersonal und Kund*innen nebeneinander oder gemeinsam Reparaturen durchfĂŒhren. âDas ist kein Projekt mehr, das ist fĂŒr mich zu einer Mission gewordenâ, betont Batman.
Wie weit der Weg zu diesem Ziel noch sein könnte, zeigt die Geschichte des silbernen CD-Players mit den korrodierten Tasten. Alle Knöpfe auszutauschen wĂ€re âeine ziemliche Fummelarbeitâ, seufzt Batman. Die Reparatur wĂŒrde wohl etwa 30 Euro kosten. Der Bastler zuckt mit den Schultern. Am Ende muss der Kunde entscheiden, ob er das GerĂ€t reparieren lĂ€sst oder fĂŒr 50 Euro ein neues anschafft.
Laura Jaruszewski ist von Januar bis MĂ€rz 2026 Praktikantin bei Netzpolitik. Ansonsten studiert sie in Göttingen Sozialwissenschaften und interessiert sich fĂŒr Ăberwachungstechnologien und antifeministische Bewegungen im Netz. Kontakt: E-Mail (OpenPGP). Dieser Beitrag ist eine Ăbernahme von netzpolitik, gemĂ€ss Lizenz Creative Commons BY-NC-SA 4.0.