ISS-Crew sucht kurzzeitig Schutz in SpaceX-Kapsel
Für einige Stunden wurde aus der Internationalen Raumstation ISS wieder das, was sie im Ernstfall immer auch sein muss: ein Außenposten mit Fluchtweg. Am Freitag wies die NASA fünf der sieben Besatzungsmitglieder an, sich vorsorglich in die angedockte SpaceX-Kapsel Crew Dragon „Freedom“ zurückzuziehen. Der Grund waren Arbeiten an zwei kleinen Luftlecks im russischen Teil der Station, genauer im hinteren Bereich des Swesda-Servicemoduls. Eine unmittelbare Gefahr für die Crew bestand nach Angaben der beteiligten Raumfahrtagenturen nicht. Dennoch entschied sich die NASA für den sicheren Weg.
Die Lecks befinden sich in einem Abschnitt, der die Raumfahrtbehörden schon seit Jahren beschäftigt: dem sogenannten PrK-Transferbereich am hinteren Ende des russischen Segments. Dort docken unter anderem russische Sojus- und Progress-Raumschiffe an. Kleine Undichtigkeiten in diesem Bereich werden seit längerer Zeit beobachtet; der Abschnitt wird zeitweise abgeriegelt und mit niedrigerem Druck betrieben, um Luftverluste zu begrenzen.
Während die Kosmonauten Sergey Kud-Sverchkov und Sergey Mikaev mit den Reparaturarbeiten begannen, sollten die übrigen Crewmitglieder vorübergehend im Dragon-Raumschiff warten. Dazu gehörten die Dragon-Kommandantin Jessica Meir, Jack Hathaway, die ESA-Astronautin Sophie Adenot, der Kosmonaut Andrey Fedyaev sowie NASA-Astronaut Chris Williams. Die Kapsel diente dabei nicht als Evakuierungsfahrzeug im akuten Notfall, sondern als sogenannter „safe haven“ — ein geschützter Rückzugsort, falls sich die Lage verschärft hätte.
Nach Angaben von Roskosmos wurden bei einer Inspektion zwei mögliche Leckstellen entdeckt. Eine davon sei rasch mit einer ersten Schicht einer zweikomponentigen Dichtmasse verschlossen worden. Die zweite Stelle liege im konischen Bereich des betroffenen Abschnitts; Vorbereitungen für eine weitere Abdichtung liefen. Zugleich betonte die russische Raumfahrtagentur, der Druck an Bord der ISS sei stabil und es gebe keine Bedrohung für Besatzung oder Systeme.
Kurz darauf wurde die Reparatur jedoch zunächst unterbrochen. Laut NASA pausierte Roskosmos die strukturellen Arbeiten, um zusätzliche Messungen und Daten auszuwerten. Damit endete auch die vorsorgliche Schutzmaßnahme: Die Crewmitglieder konnten die Dragon-Kapsel wieder verlassen und zu ihrem normalen Arbeitsprogramm auf der Raumstation zurückkehren.
Dass die Maßnahme kurzzeitig für Aufmerksamkeit sorgte, liegt nicht nur am Wort „Leck“. Die ISS ist ein hochkomplexes System, in dem selbst kleine Druckverluste ernst genommen werden müssen. Im All ist Luft keine Selbstverständlichkeit, sondern eine begrenzte Ressource, die ständig überwacht wird. Gleichzeitig zeigt der Vorfall, wie stark die Sicherheitsprozeduren auf der Station auf Redundanz angelegt sind: Solange ein angedocktes Raumschiff verfügbar ist, kann es der Besatzung im Zweifel als Rückzugs- oder Rückkehrfahrzeug dienen.
Ganz ohne menschlichen Moment blieb die angespannte Lage offenbar nicht. Als die Crew in der Dragon-Kapsel zusammenkam, wurden laut amerikanischen News die internen Kameras abgeschaltet — üblich, wenn die Astronautinnen und Astronauten Privatsphäre benötigen könnten. Jessica Meir kommentierte die Situation scherzhaft, worauf Mission Control sinngemäß antwortete, man wolle der Crew bei ihrem „Familien-Campout“ in der Dragon etwas Privatsphäre lassen.
Der Vorfall ist damit kein dramatischer Beinahe-Unfall, wie andernorts reisserisch beschrieben ist. Aber man sieht, wie sensibel der Betrieb der alternden Raumstation geworden ist. Die ISS ist seit mehr als zwei Jahrzehnten dauerhaft bewohnt, viele ihrer Module sind deutlich länger im Einsatz als ursprünglich geplant.
Kleine Risse, Dichtungsprobleme und Materialermüdung gehören inzwischen zu den Themen, die NASA und Roskosmos eng beobachten müssen. Gerade deshalb wurde aus einem begrenzten technischen Problem für kurze Zeit eine Sicherheitsübung unter realen Bedingungen — ruhig, routiniert, aber mit dem klaren Bewusstsein: In 400 Kilometern Höhe gibt es für Nachlässigkeit keinen Spielraum.
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