Blindenschrift
Er war erst 16 Jahre alt, als er seine bahnbrechende Erfindung vorlegte. 1825, also vor 200 Jahren, hatte der Franzose Louis Braille seine Forschung abgeschlossen und eine Blindenschrift entwickelt, ein Schriftsystem fĂŒr blinde und stark sehbehinderte Menschen. Um dies zu wĂŒrdigen, wird seit 2018 aufgrund einer Entscheidung der UN-Vollversammlung am 4. Januar, dem Geburtstag von Louis Braille, der âWelt-Braille-Tagâ begangen. Er soll die Bedeutung dieser Schrift fĂŒr die Selbstbestimmung blinder und sehbehinderter Menschen hervorheben und deren Situation verbessern.
Die Braille-Zeichen bestehen aus erhabenen Punktmustern, die mit den Fingerspitzen ertastbar und dadurch lesbar sind. Fingerspitzen, HandflĂ€chen, FuĂsohlen und Lippen sind besonders empfindlich. Grundlage der Schrift ist ein Raster von sechs Punkten, wie auf einem WĂŒrfel, mit denen sich Buchstaben, Zahlen, Satzzeichen und andere Symbole darstellen lassen. Jedes Braille-Zeichen, Zelle genannt, enthĂ€lt zwei Spalten mit jeweils drei Punkten. Unterschiedliche Kombinationen dieser Punkte bilden dann Buchstaben. Beispielsweise bedeutet die Markierung der drei linken Punkte ein L und die der oberen vier ein G. Ein einzelner Punkt links oben ist ein A oder eine 1. Mit sechs Punkten lassen sich insgesamt 64 Zeichen darstellen, das reicht fĂŒr ein Alphabet, fĂŒr Zahlen und fĂŒr Interpunktionen.
Mit seinem System erschloss Braille den blinden Menschen ein Tor zur Bildung; es ermöglicht ihnen Lesen und Schreiben ohne externe Hilfe. Laut Weltgesundheitsorganisation haben rund 2,2 Mrd. Menschen weltweit eine SehbeeintrĂ€chtigung, 43 Mio. sind blind. Vor Brailles Erfindung waren blinde Menschen weitgehend vom gesellschaftlichen Leben ausgeschlossen. Man versuchte, ihnen durch erhaben geprĂ€gte Buchstaben einen Zugang zur Schrift zu vermitteln (Reliefschrift). Bei einzelnen PĂ€dagogen traf Braille auf Widerstand. Sie befĂŒrchteten, dass blinde Menschen durch eine spezielle Schrift benachteiligt werden könnten. Dies war aber nicht so, im Gegenteil.
Die neue Schrift ermöglichte ein flĂŒssiges Lesen, weil jeweils ein komplettes Zeichen, also ein einzelner Buchstabe, mit der Fingerkuppe erfasst werden konnte. Die Chancen von Blinden, am Informationsfluss und am Leben teilzuhaben, stiegen deutlich. Bei einem Lesewettbewerb wurde deutlich, um wieviel rascher die Punktekombinationen mit den Fingern erfasst werden konnte als die geprĂ€gten Buchstaben. Zudem war die Herstellung der Punkteraster deutlich einfacher.
Der selbst als Kind erblindete Braille wollte eine praktikable Schrift fĂŒr Blinde entwickeln. Die bislang vorliegenden Systeme waren fĂŒr ihn zu umstĂ€ndlich. Zuvor hatte z.B. der MilitĂ€rhauptmann Charles Barbier eine âNachtschriftâ konstruiert, ein System aus erhabenen Punkten, um Soldaten die Kommunikation im Dunkeln zu ermöglichen. Sie basierte auf 12 Punkten, mit denen Silben bezeichnet wurden. Ihre Anwendung war jedoch recht umstĂ€ndlich und fĂŒr Blinde ungeeignet. Braille griff die Grundidee auf und entwickelte sie weiter.
1878 wurde Brailles Erfindung als offizielles Schriftsystem anerkannt. Allerdings war Braille bereits 1852 im Alter von nur 43 Jahren an Tuberkulose gestorben. Er konnte somit die Anerkennung, Verbreitung und Weiterentwicklung seiner Leistung nicht selbst erleben. Seine Schrift hat indes die Welt erobert. Sie ist praktisch und einfach, man könnte auch sagen: genial. Und sie ist alltagstauglich. Ihr Erfolg liegt womöglich auch daran, dass sie von einem Blinden und nicht von Sehenden entworfen wurde, wie bei den meisten anderen Blindenschriften.
Als sich die Braille-Schrift international zu verbreiten begann, gab es verschiedene ModifikationsvorschlĂ€ge. Manche wollten nicht unbedingt bei der französischen Grundausstattung bleiben, andere regten an, die am hĂ€ufigsten gebrauchten Buchstaben mit der geringsten Punktzahl zu kennzeichnen. Diese AnsĂ€tze verschwanden jedoch wieder. Man beschrĂ€nkte sich auf Neuerungen fĂŒr jene Zeichen, die nicht aus dem Französischen ĂŒbernommen werden konnten. Dass es bei der Vielzahl von Adaptionen in zusĂ€tzliche Sprachen zu Ungenauigkeiten und Missdeutungen kam, kann nicht ĂŒberraschen. Erst 1950 wurden in zwei Konferenzen grundlegende Prinzipien fĂŒr die Anwendung der Braille-Schrift in afrikanischen und indischen Sprachen vereinbart.
Die Brailleschrift wird mit speziellen eigenen Druckern oder PrĂ€gemaschinen zu Papier gebracht. Zudem gibt es Punktschrifttafeln fĂŒr den individuellen Gebrauch, z.B. auch fĂŒr unterwegs. Der Platzbedarf fĂŒr Punktschrift ist enorm, da die Zeichen gröĂer sind als in ânormalenâ Druckwerken. Auch muss das Papier dicker sein. So umfasste ein 1863 vorgelegter kompletter Druck der Bibel 60 BĂ€nde.
Brailles Erfindung hat ihren Charakter weitgehend behalten, das Basisalphabet ist heute noch, wie er es vorgeschlagen hat. FĂŒr fast jede geschriebene Sprache gibt es eine Braille-Schrift, auch fĂŒr Sprachen mit eigenen Schriftzeichen wie griechisch, russisch, arabisch oder hebrĂ€isch. Sogar nicht-alphabetische Schriften können mit Braille dargestellt werden. Bald wurde deutlich, wie leistungs- und ausbaufĂ€hig seine Erfindung ist. Es entstanden Systeme fĂŒr die Darstellung mathematischer Inhalte, fĂŒr Physik und Chemie, fĂŒr Schach und manches andere. Braille selbst befasste sich mit der Aufgabe, ein fĂŒr blinde Menschen lesbares Notenschriftsystem zu entwickeln. Er funktionierte die 64 Punkte-Kombinationen neu; Noten, ViolinschlĂŒssel und andere Musikzeichen lieĂen sich damit herstellen.
FĂŒr die meisten Betroffenen geht es allerdings nicht um mathematische oder chinesische Zeichen, sondern darum, lesen zu können und AlltagsgegenstĂ€nde und -begriffe zu erkennen. Wir finden Braille-Beschriftungen daher auf TĂŒrschildern, in AufzĂŒgen, an öffentlichen GebĂ€uden, bei der Bahn, auf Geldscheinen, auf Verpackungen verschiedenster Art, in Spielen oder an Automaten. Bei Medikamenten ist die Kennzeichnung Pflicht.
FĂŒr einzelne Sprachen wurden Punktkombinationen fĂŒr lĂ€nderspezifische Buchstaben bzw. Aussprachen geschaffen (z.B. das russische tsch). Im asiatischen Raum wird rasch erkennbar, wie komplex Schriftsysteme sein können. Beispielsweise benötigt man in der chinesischen Verkehrsschrift 3000 bis 5000 Zeichen. Aufbauend auf Braille musste dafĂŒr ein spezielles System von ZusĂ€tzen entwickelt werden. Dieses spiegelt nunmehr die jeweiligen phonetischen Sprachlaute wieder und unterscheidet sich stark von den uns vertrauten Alphabeten.
Brailles System ist bei entsprechender Modifikation auch anwendbar fĂŒr Computer, Smartphones und Schreibmaschinen. Als der Computer in Wirtschaft und Gesellschaft einzog, wurde Brailles Schrift um zwei Punkte erweitert. Der ursprĂŒnglich an Computern verfĂŒgbare Zeichensatz umfasste nĂ€mlich genau 256 Zeichen, die sich mit 8 Punkten darstellen lieĂen. Doch selbst die heutigen Computer mit ĂŒber 65.000 möglichen Zeichen greifen auf die Brailleschrift zurĂŒck. Dazu muss jedem TextstĂŒck vorangestellt werden, um welches Schriftsystem es sich handelt.
Der Fortschritt der Informationstechnologie berĂŒhrt die Bedeutung der Brailleschrift. Viele Texte liegen heute in digitaler Form vor, spezielle Programme können den Bildschirminhalt vorlesen. Abtasten erĂŒbrigt sich. Auch fĂŒr Handies gibt es integrierte Sprachausgaben, eine Art Vorlesehilfe. Anderseits schafft High Tech neue Probleme fĂŒr Blinde. Eine zunehmende Zahl von Maschinen, z.B. Wasch- und Kaffeemaschinen, lĂ€sst sich nur noch ĂŒber âtouch screensâ bedienen. Deren völlig glatte OberflĂ€che macht es Menschen mit Sehbehinderung schwer, sie zu nutzen. Inzwischen gibt es Forderungen nach âbarrierefreierâ Bedienung und nach Möglichkeiten, dass auch Personen mit Sehbehinderung digitale Informationen so wie Sehende aufnehmen können. Und es tut sich etwas. Seit 2015 gibt es den Prototypen eines Monitors, der Computerbilder und -grafiken in abtastbare Braille-Muster umwandelt.