Es wirkt, als ob Leni Riefenstahl aus der Zwischenhölle heraus gegen diesen Film anargumentiert. https://letterboxd.com/andrepitz/film/riefenstahl/

#AndresVeiel #dokumentarfilm #filme #filmkritik #kino #kinotagebuch #LeniRiefenstahl #riefenstahl #Letterboxd

A review of Riefenstahl (2024)

Es wirkt, als ob Leni Riefenstahl aus der Zwischenhölle heraus gegen diesen Film anargumentiert. Denn es ist wirklich eine Art Dialog mit dem Nachlass Riefenstahls, den Andres Veiel hier anstrebt. Ohne Effekthascherei und komplett in sich ruhend lässt der Film die vergangene Leni Riefenstahl immer und immer wieder voller Selbstbewusstsein auflaufen. Veiel widerlegt Stück für Stück die von Riefenstahl um sich herum gesponnene Legende. Es mag daran liegen, dass ich am Tag vorher GOLDHAMMER gesehen habe. Aber je tiefer sich die Archiv-Riefenstahl in ihren Bau aus Widersprüchen gräbt, desto überzeugter war ich davon: Wäre die Filmemacherin in unserer Zeit aufgewachsen,

Kinotagebuch: Riefenstahl (2024)

DE, R: Andres Veiel, Wikipedia

Es wirkt, als ob Leni Riefenstahl aus der Zwischenhölle heraus gegen diesen Film anargumentiert. Denn es ist wirklich eine Art Dialog mit dem Nachlass Riefenstahls, den Andres Veiel hier anstrebt. Ohne Effekthascherei und komplett in sich ruhend lässt der Film die vergangene Leni Riefenstahl immer und immer wieder voller Selbstbewusstsein auflaufen. Veiel widerlegt Stück für Stück die von Riefenstahl um sich herum gesponnene Legende.

Es mag daran liegen, dass ich am Tag vorher GOLDHAMMER gesehen habe. Aber je tiefer sich die Archiv-Riefenstahl in ihren Bau aus Widersprüchen gräbt, desto überzeugter war ich davon: Wäre die Filmemacherin in unserer Zeit aufgewachsen, wäre sie Influencerin bzw. „Content“-Creatorin. Klar, eine mit unbestreitbarem Talent und Gespür für Ästhetik wie nur wenige andere, aber dennoch.

Am Ende bleibt ein Bild von Riefenstahl als Opportunistin mit bewusst selektiver Realitätswahrnehmung, die um jeden Preis rezipiert werden will – letztlich egal womit. Das zeigt sich auch darin, dass sie immer und immer wieder Interviews gibt – wohl wissend, dass sie auf ihre Rolle im Nazi-Regime angesprochen werden wird. Aber zu groß ist die Versuchung des Rampenlichts, zu gut die Gelegenheit, sich selbst und ein ganzes Täter*innenvolk als eigentliche, unwissende Opfer zu inszenieren.

(Eine ganz besondere Form des Ekels löst das für diesen Dokumentarfilm restaurierte historische Filmmaterial aus. Hitler in makellosem 4K und auf 24 Vollbilder die Sekunde interpoliert in die Kamera lächeln zu sehen, ist eine sehr komische Erfahrung.)

#AndresVeiel #Dokumentarfilm #Filme #Filmkritik #Kino #Kinotagebuch #LeniRiefenstahl #Riefenstahl

Riefenstahl (Film) – Wikipedia

Kinotagebuch: Anora (2024)

US, R: Sean Baker, D: Mikey Madison, Mark Eidelstein, Karren Karagulian, Yura Borisov, Vache Tovmasyan, Trailer, Wikipedia

Und die Moral von der Geschicht‘? Milliardäre verbieten!

Sean Baker entzaubert den Cinderella-„Mythos“ auf seine Art, die sich nicht auf den bereits ausgetretenen Wegen bewegt. Es geht hier nicht um zwei Figuren, die allen Widrigkeiten zum Trotz die Ketten ihrer bisherigen Leben sprengen, um miteinander sein zu können. Es geht um Macht als unweigerliche Konsequenz aus Geld. Wer Fuck-You-Money hat, wird sich folgerichtig irgendwann entsprechend verhalten. Ab einem gewissen Betrag wird das Konto zu einem Schwarzen Loch, dessen Hunger weder Licht noch Macht entkommen können.

Sean Baker hat sich auch hier die große Empathie gegenüber seinen Figuren bewahrt. Er begegnet ihm, von seinen Eltern kaum als Mensch behandelt und doch eisern in deren Griff, voller Mitgefühl und zieht ihn doch für sein Verhalten zur Verantwortung. Denn wieder jeder andere Mensch ist in letzter Konsequenz nur er für sein Handeln verantwortlich.

Sie als Sexarbeiterin wird wie von Sean Baker gewohnt niemals von oben herab behandelt und nicht als Opfer gezeichnet, das „gerettet“ werden muss. Gleichzeitig ignoriert Baker jedoch auch nicht den ökonomischen Druck, unter dem sie zu stehen scheint, und deutet auch eine traumatische Erfahrung aus der Vergangenheit an. Diese nicht klar zu benennen, ist genau die richtige Entscheidung. Denn so wird diese Figur nicht durch ihr Trauma definiert und darauf reduziert. Sie bekommt die Chance, in unseren Augen ein vollwertiger Mensch zu bleiben.

Darüber hinaus wünsche ich mir von Sean Baker so langsam mal etwas mehr ästhetische Variation. Seine bewährten Tracking-Shots mit leicht fischäugigen Objektiven laufen Gefahr, in absoluter Formelhaftigkeit zu enden. Gleichzeitig kann ich mir Bakers Filme aber nur schwer ohne vorstellen. Denn diese Shots sorgen nämlich auch für eine sich sehr organisch anfühlende Leichtigkeit der Bilder, für etwas Unmittelbares, ohne gleich Found-Footage zu sein.

Unbestreitbar gut bleibt Sean Bakers Casting. Einerseits setzt er auf Schauspieler:innen mit noch kleinen Filmografien und bietet ihnen die Möglichkeit, sich ihrer selbst und ihres Images zu ermächtigen, bevor das andere für sie tun. Nach HYTTI NRO 6 auch Yura Borisov und nach LEVIATHAN auch Aleksey Serebryakov wieder auf einem neuen Spielfeld mit internationaler Beachtung zu sehen, hat mich sehr gefreut.

Und der Soundtrack ist absolut killer.

★★★★☆

https://andrepitz.de/2024/11/06/kinotagebuch-anora-2024/

#810 #Anora #Filme #Filmkritik #KarrenKaragulian #Kino #Kinotagebuch #MarkEidelstein #MikeyMadison #SeanBaker #VacheTovmasyan #YuraBorisov

ANORA - Official Trailer #2 - In Select Theaters October

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A ★★★★ review of Anora (2024)

Und die Moral von der Geschicht'? Milliardäre verbieten! Sean Baker entzaubert den Cinderella-„Mythos" auf seine Art, die sich nicht auf den bereits ausgetretenen Wegen bewegt. Es geht hier nicht um zwei Figuren, die allen Widrigkeiten zum Trotz die Ketten ihrer bisherigen Leben sprengen, um miteinander sein zu können. Es geht um Macht als unweigerliche Konsequenz aus Geld. Wer Fuck-You-Money hat, wird sich folgerichtig irgendwann entsprechend verhalten. Ab einem gewissen Betrag wird das Konto zu einem Schwarzen Loch, dessen Hunger weder Licht noch Macht entkommen können. Sean Baker hat sich auch hier die große Empathie gegenüber seinen Figuren bewahrt. Er begegnet

Festival-Fazit: DOK Leipzig 2024

Am Sonntag ging die 67. Ausgabe des Internationalen Leipziger Festivals für Dokumentar- und Animationsfilm, kurz DOK Leipzig, mit einem Besucher:innen-Rekord zu Ende. Besonders in Zeiten, in denen sich das Kino noch nicht von Corona erholt hat, hat mich das sehr gefreut. Mein letztes „richtiges“ DOK war tatsächlich 2020 – mitten in der Pandemie und deshalb auch nur online. Deshalb hat es mich dieses Jahr sehr gejuckt. Also habe ich mich für drüben sechs Tage lang ins Kino gesetzt und mich vorrangig durch deutsche und internationale Wettbewerbsfilme geschaut. 13 Sichtungen sind es letztlich geworden.

Bevor ich zu den Filmen komme: Danke an das großartige DOK-Team und vor allem den zahlreichen Volunteers, die das DOK Leipzig 2024 (für mich) zu einem sehr smoothen und angenehmen Festival gemacht haben.

Was hingegen weiterhin eine international verbreitete Festivalkrankheit zu bleiben scheint, ist der Programmkalender aus dem vergangenen Jahrtausend. Ich möchte doch einfach nur meine Wunschfilme markieren, dann einen Plan mit sich nicht überschneidenden Screenings bekommen und das dann bitte als iCal downloaden können.

Was gab’s stattdessen? Eine Seite, bei der man im Darkmode nicht alle Kontrollelemente richtig sieht und deshalb erstmal laaange verzweifelt sucht, bis man das checkt und bereits gebuchte Tickets wieder löschen kann. Ich weiß, als Presseheini, der keinen Cent für die Tickets zahlt, ist das ziemliches Mimimimi. Aber wer umdisponieren musste, kam schnell in die Bre­douil­le, weil auf die Akkreditierung nur fünf Tickets gleichzeitig gebucht werden konnten.

Anyways, kommen wir zu den Filmen. Ich habe viele Stimmen gehört und gelesen, die den beiden Dokumentarfilm-Wettbewerben in diesem Jahr nur ein mittelmäßiges Zeugnis ausstellen konnten. Mit meinem kleinen gesehenen Querschnitt würde ich mich dem anschließen. Natürlich gab es trotzdem auch wirklich überragende Filme.

Moria Six (2024)

von Jennifer Mallmann

https://www.youtube.com/watch?v=whuCTNkQVzo

Ein erschütternder wie niederschmetternder Film, der zeigt, wie im Auftrag der griechischen Regierung und Europäischen Union systematisch geltendes Recht gebrochen wird. Fick dich, Festung Europa! Eines der hier gezeigten Nachfolgelager von Moria wird von der Verwaltung stolz als „sicherer“ bezeichnet. Sicher ist hier vor allem eins: dass sichergestellt wird, den geflüchteten Menschen den letzten Rest ihrer Würde zu nehmen. Das Lager ist ein Orwellscher Fiebertraum und ein Ort, an dem die wenigen verbliebenen Grundrechte dieser Menschen beerdigt werden.

Formal weckt MORIA SIX tatsächlich Erinnerungen an THE ZONE OF INTEREST. Es sind die starren, kühlen und mit einem erdrückenden Dröhnen unterlegten Bilder, die hier eine quälend unangenehme und gleichzeitig fesselnde Atmosphäre erzeugen. Die Kamera fängt in einer ästhetischen Unvermeidbarkeit Bilder ein, die unweigerlich an die dunkelsten Kapitel der deutschen Geschichte erinnern. Ob dieses Stilmittel gerechtfertigt ist, ist streitbar. Aber es zwingt, sich intensiv mit diesem humanitären Armutszeugnis auseinanderzusetzen und eine Haltung zu entwickeln, die über ein „Jaja, schon schlimm da. Anyways, was läuft auf Netflix?“ hinausgeht.

Im Prinzip Familie (2024)

von Daniel Abma

https://www.youtube.com/watch?v=HtRsYHRn3iM

Direkt habe ich an HERR BACHMANN UND SEINE KLASSE denken müssen. Denn wahrscheinlich vermögen es nur solche Langzeitbeobachtungen, derartige Themenkomplexe auch auf einer rein emotionalen Ebene zumindest teilweise erfahrbar zu machen. Denn rein rational betrachtet ist dieser Stoff natürlich schnell durchdrungen. Aber wenn ein Film sich die Zeit nimmt, einfach mal dabei zu sein und nicht mit Fragen das Spielfeld abzustecken, dann entsteht nicht nur Verstehen, sondern letztlich auch Verständnis. Und das baut auch Vorurteile ab.

Tarantism Revisited (2024)

von Anja Dreschke und Michaela Schäuble

https://www.youtube.com/watch?v=sZuG9SOHXi4

Für den westlichen Blick ist dieser Film eine absolute Überraschung und auch Irritation. Denn man ist zwar vor allem von der katholischen Kirche allerlei Hokuspokus gewohnt, aber durch einen Spinnenbiss fortan von der Tarantel besessene Frauen, die sich nur einmal im Jahr während eines ekstatischen Rituals wortwörtlich freitanzen können, das ist noch mal ein anderer Schnack.

Und so beginnt es: Als Dokument eines absurden Rituals vermeintlich religiös Indoktrinierter, stets mit der Kritik an Fundamentalismus, antiaufklärerischer Unterdrückung und institutionalisierter Religion im Subtext.

Aber dann schält sich der Film noch einmal und eröffnet eine unerwartete Perspektive auf die von der Tarantel besessenen Frauen. Denn es wird immer klarerer, dass sie sich dieses Unterdrückungsinstrument der Kirche ermächtigt haben und es nun dafür einsetzen, patriarchalen Strukturen zu entkommen.

Der Filme hält sienem Publikum klug den Spiegel vor. Denn einen leicht abschätziger Blick auf diese an solchen Quatsch glaubenden Menschen – ob nun gespielt oder nicht –, werden wohl viele mindestens einmal werfen.

Spielerinnen (2024)

von Aysun Bademsoy

https://www.youtube.com/watch?v=eYLSBVMc_3A

Eine sehr herzlich-warme Geschichte über Solidarität und die enorme Wichtigkeit gemeinsamer Ankerpunkte, die über den einen Moment in der Zeit hinaus Stabilität, Gemeinschaft, Halt und Kraft geben.

Wovon ich außerdem überzeugt bin: Dieser Film muss mit einem möglichst großen Publikum gesehen werden. Denn selbst bei meinem Screening, im vergleichsweise weltoffenen Leipzig mit Festivalpublikum, wurde super viel gelacht. Bezeichnend und absolut entlarvend ist dann, in welchen Momenten gelacht wurde. Denn ich frage mich, was so lustig daran sein soll, wenn ein Vater über Wohnort und Beziehungsstatus seiner volljährigen Tochter entscheiden will und das auch noch unverhohlen in die Kamera sagt. Es zeigt, wie tief eine abschätzige Haltung gegenüber aus anderen Kulturkreisen stammenden Menschen in uns sitzt. 

Es ist ein „Hahaha, schau mal, die gehen ja noch wie im Mittelalter miteinander um“, während das Patriarchat hier genauso die Gesellschaft bestimmt – nur eben in anderen Ausprägungen.

Bildet Banden!

Twice into Oblivion (2024)

von Pierre Michel Jean

https://vimeo.com/1012450457

Es ist nicht leicht von Täter*innen abzustammen und es ist nicht leicht, von Opfern abzustammen – in etwa so bringt einer der Protagonisten dieses Films das ganze Spannungsfeld sehr treffend auf den Punkt. Denn wie umgehen mit diesem Trauma, dieser unbeschreiblichen Ungerechtigkeit, wenn den Täter:innen nicht mehr beigekommen werden kann? Wenn sie genau wie Überlebende sterben, bis niemand mehr von den Taten berichten kann und sich auch mangels offizieller Anerkennung schließlich alles im Sande verläuft?

Wie kann dieses Leid gelöst werden? Ob das die Kunst, wie der Film mit seinen Protagonist*innen teilweise zu ergründen versucht, vermag, weiß ich nicht. Und ich glaube, der Film weiß das auch nicht. Was er hingegen genau weiß: was Gerechtigkeit bedeutet.

Drei Dokumentarfilme, an die ich hier immer wieder denken musste: Katharina Thoms‘ WIDERSTAND IST PFLICHT sowie THE ACT OF KILLING und THE SOUND OF SILENCE von Joshua Oppenheimer.

Le cinquième plan de La Jetée (2024)

von Dominique Cabrera

La Jetée, the Fifth Shot · DOK Leipzig Cabreras Cousin entdeckt sich selbst in Chris Markers „La Jetée“: ein Foto von ihm und seinen Eltern auf der Aussichtsplattform des Flughafens Orly. 1962 waren sie dort aus Algerien angekommen. www.dok-leipzig.de

Eine Reihe von Zufällen, die fast schon zu gut sind, um wahr zu sein – zusammengebunden in einer Art heiterer cinephiler Schnitzeljagd. Dass dieses Thema ausgerechnet Dominique Cabrera in den Schoß fällt, ist einer dieser genialen Zufälle.

Letztlich dreht sich diese Spurensuche um die Macht der Bilder, nicht nur Geschichten zu erzählen, sondern auch Geschichten in der Zeit einzufrieren, sie Generationen überdauern und dann wieder auftauen zu lassen. Doch dann können diese Geschichten durch die Finger rinnen und laufen Gefahr, auf ewig zu versickern.

Was diesen Film so faszinierend macht, sind die familiären Verflechtungen Dominique Cabreras mit Chris Marker und die konsequent persönliche Perspektive. Man könnte dem Film eine gewisse Eitelkeit und Hang zur Nabelschau vorwerfen. Das wäre jedoch fehlgeleitet, denn letztlich ist es genau das, was der Film braucht und was ihn so sympathisch macht.

Miralles (2024)

von Maria Mauti

https://www.youtube.com/watch?v=w9qdsyD-vek

Ich mag Filme, die von mir bisher sehr stiefmütterlich behandelte Arten künstlerischen Ausdrucks für mich aufschließen. Hier ist es eben die Architektur, die ich zuvor als sehr elitäres, nur sehr wenig demokratisiertes Medium gesehen habe. Daran hat auch dieser Film nicht viel geändert. Aber er hat mir eine neue Perspektive eröffnet, die über meine sehr durch ästhetische Kriterien geprägte Betrachtungsweise von Architektur hinaus geht.

Jetzt ist mir klar geworden, dass die eigentliche Kunst nicht zwingend das Objekt ist, sondern wie die Menschen in dessen Umgebung dazu in Beziehung gesetzt werden, wie sie sich durch das Bauwerk bewegen. Das sind auch die Momente, die Architekt*innen nur erahnen, aber nie mit Sicherheit vorhersagen können. Das resoniert total mit meiner Haltung zu Kunst: Ist das Werk einmal in der Welt, gehört es nicht mehr den Künstler*innen, sondern dem Publikum. Die Deutungshoheit haben nur die Rezipient*innen.

Vielleicht hat mich hier deshalb auch das Voiceover so gestört. Denn dessen Text hat den Denkraum doch arg eingeschränkt und den ganzen Film auf Schienen ohne Weichen gesetzt.

Tracing Light (2024)

von Thomas Riedelsheimer

Tracing Light · DOK Leipzig Ohne Licht gäbe es kein Kino – und kein Leben. In seiner Suche nach dem Ursprung der Bilder taucht der Film in zwei Welten ein, die den Zauber des Lichtes ergründen: Die Physik und die Kunst. www.dok-leipzig.de

Zweifelsohne sind das wunderschöne Bilder und viele tolle, kleine Beobachtungen, die hier eingefangen wurden. Und es ist auch spannend zu sehen, wie nah Kunst und Wissenschaft als vermeintlich gegensätzliche Arten, die Welt wahrzunehmen, doch eigentlich sind. Denn je mehr beide Felder miteinander verschränkt werden, desto klarer wird: Es scheint einen Punkt zu geben, ab dem Wissenschaft zur Kunst und Kunst zur Wissenschaft wird. Beide eint wiederum das Streben danach, eine Beschreibung für das Unbeschreibbare finden zu wollen.

Meiner Meinung nach gelingt dem Film jedoch keine wirklich produktive Tiefe. Viele Erkenntnisse zu entweder zu banal und derart komplex, dass der Film aufhört zu versuchen, das zu erklären.

Vielleicht waren es auch zu viele Worte, die den Film haben stolpern lassen. Weil das genau die Momente unterbricht, in denen die Kamera in schwelgerischen Motiven badet und so Raum zum Fühlen und Erfahren dessen ist, wofür es noch keine richtigen Worte zu geben scheint.

Nicht umsonst haben mich viele Bilder an den Monolithen aus 2001: A SPACE ODYSSEY oder Éric Rohmers LE RAYON VERT mit dem letzten grünen Leuchten der Sonne, bevor sie hinter dem Horizont verschwindet, denken lassen. Aber diese fast schon metaphysische Ebene erreicht TRACING LIGHT nicht. Vermutlich will er das auch noch. Aber wahrscheinlich ist genau das sein Fehler.

Flowers of Ukraine (2024)

von Adelina Borets

https://www.youtube.com/watch?v=QR-798yxa4E

Diese sich auch in den Bildern abzeichnenden Kontraste zwischen dieser etwas schrottigen Oase auf der einen und der sozialistisch-realistischen Architektur auf der anderen Seite entfalten eine besonders ab dem Moment eine eindrückliche Wirkung, ab dem Russland Angriffe auf Kyjiw flog. Denn es ist ironischerweise Putins Angriff, der hier anscheinend wieder etwas mehr Einigkeit schafft.

Der Film ist aber auch Charakterstudie eines Menschen, einer Frau, die die Sowjetunion, deren Fall und die nachfolgende Zeit im ehemaligen sowjetischen Satellitenstaat Ukraine erlebt hat. Einer Frau, die sinnbildlich für Generationen steht, die Staat und Autoritäten über weite Strecken ihres Lebens nie trauen konnten. Das hat etwas nachhaltig zerstört – oder eben gar nicht erst gedeihen lassen.

So ist die Protagonistin – nicht im umgangssprachlich abwertenden, sondern im wertfreien Wortsinne – asozial. Sie glaubt, als einzige alles besser zu wissen – nicht, weil sie überheblich ist, sondern weil sie es Jahrzehntelang für sich besser wissen musste, um ihr Leben zu bestreiten.

Nur ist diese Erkenntnis nicht sonderlich neu und ich bin mir nicht sicher, was mir dieser Film sonst noch anbietet. Ich bin mir nicht mal sicher, wie authentisch die Szenerie wirklich ist. Denn die Kamera ist so nah dran, dass sich die Protagonistin mehrmals offensichtlich selbst überinszeniert. Selbstinszenierung lässt sich mit einer Kamera in der Nähe natürlich nie gänzlich überwinden. Aber hier hätte etwas mehr Distanz gutgetan, glaube ich.

Sonnenstadt (2024)

von Kristina Shtubert

Sonnenstadt · DOK Leipzig In der Einöde Sibiriens hat sich eine Glaubensgemeinschaft ihre Musterstadt erschaffen. Eine Langzeitstudie und postsowjetische Erzählung, während die Militarisierung des Landes näher rückt. www.dok-leipzig.de

Es ist schon interessant und zu einem gewissen Grad auch faszinierend, nicht nur von außen auf eine solche kultartige Gemeinschaft blicken, sondern mittendrin sein und die vielen Geschichten so vieler auf unterschiedliche Art und Weise gebrochener Leben und/oder Biografien erfahren zu können. Nur zu neuen Erkenntnissen hat das bei mir irgendwie nicht geführt. Zu ähnlich sind sich dann doch die Strukturen dieses Kults und denen eines jeden anderen.

Was nur am Rande Erwähnung findet, ist die Tatsache, dass es nach der Implosion der Sowjetunion offenbar eine regelrechte Welle an Jesus imitierenden Gurus gab, die sich in Siedlungen fernab der Zivilisation zur gottgleichen Gestalt erhoben. Aber dieses Phänomen lässt sich nicht entlang der intimen Langzeitbeobachtung einer Gemeinschaft erzählen. Und die Gemeinschaft, diese Menschen lassen sich mit dieser Nähe nicht erzählen, wenn erst ein abstraktes und damit distanziertes Religionssoziologie-Seminar abgehalten werden muss, um diese kultartigen Strukturen aufzudröseln.

Es ist also brutal schwer, hier eine Balance zu finden. Ich bin mir noch nicht sicher, ob das SONNENSTADT gelingt. Dass es trotzdem ein bemerkenswert empathischer Dokumentarfilm geworden ist, der seine Protagonist*innen nicht einmal verurteilt, steht jedoch zu keiner Sekunde zur Debatte.

Simply Divine (2024)

von Mélody Boulissière und Bogdan Stamatin

https://www.youtube.com/watch?v=mwTZeBly9cY

Schöne Idee, dieser wiederaufgetauchten Fotos mit diesen träumerisch animierten und elegant gemalten Animationen in einen neuen, persönlichen Kontext zu setzen. Gleichzeitig wird die erzählerische Kraft von Fotografien dekonstruiert und eine neue Szenerie erdacht, die sich kurz vor oder nach dem Auslöser hätte zutragen können. Oder eben auch nicht. Es ist das verflüchtigende Moment der Bilder, das hier gleichzeitig so viel Trauer und so viel Hoffnung schürt.

Truth or Dare (2024)

von Maja Classen

https://www.youtube.com/watch?v=7nDY0OEl_w0

Hat mich erstaunlicherweise nur halb abgeholt. Mir hat hier irgendwie eine klare Handschrift und/oder eine noch größere Ambition gefehlt. Denn von Stil über Ästhetik bis hin zu einzelnen Protagonist*innen war das unglaublich nah an dem, was etwa Paulita Pappel seit unzähligen Jahren macht. Von daher war ich ein bisschen enttäuscht, weil mir TRUTH OR DARE keine wirklich neuen Impulse gegeben hat. Aber das kann und will ich dem Film nicht ankreiden. Denn was und wie hier Intimität und Sexualität verhandelt wird, ist keineswegs schlecht, sondern richtig und wichtig. Ich glaube, ich bin einfach nicht das richtige Publikum gewesen.

Lichter der Straße (2024)

von Anna Friedrich

https://www.youtube.com/watch?v=55sKh_Z-W2s

Schön, dass Anna Friedrich so nah an ihre Protagonist*innen ran kommte. Nur ist diese Nähe praktisch ausschließlich räumlicher Natur. Wir erfahren nichts zur Motivation dieser Menschen, haben keine Ahnung, was sie antreibt und wo sie hinwollen. Dieser Dokumentarfilm ist leider der Inbegriff von Oberfläche und zu schüchtern, den Finger auch mal in Wunden zu legen. Denn sind manche dieser Lebensentwürfe nicht nur durch das Profitieren von einem System, aus dem eigentlich ausgestiegen werden soll, möglich? Etwas mehr journalistische Konfrontation hätte dem Film gut getan. Aber so zerfasert alles und lässt sich am Ende nicht mehr elegant zusammenbinden.

https://andrepitz.de/2024/11/06/festival-fazit-dok-leipzig-2024/

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DOK Leipzig 2020

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Festival-Fazit: DOK Leipzig 2024

Am Sonntag ging die 67. Ausgabe des Internationalen Leipziger Festivals für Dokumentar- und Animationsfilm, kurz DOK Leipzig, mit einem Besucher:innen-Rekord zu Ende. Besonders in Zeiten…

andrepitz.de - Feuilleton & Firlefanz
A ★★★★ review of The Substance (2024)

Seit Jahren rauche ich nicht und trinke auch keinen Alkohol mehr. Jetzt komme ich aus dem Kino und finde, es ist ein guter Zeitpunkt, mit beidem wieder anzufangen. THE SUBSTANCE gehört definitiv in die Kategorie „Die besten Filme, die ich nie wieder sehen möchte“ – begonnen beim Sound-Design, das bereits eine krass aggressive Körperlichkeit erzeugt, bevor der Body-Horror überhaupt so richtig auf 11 gedreht wird. Hinterher habe ich auch länger überlegt, ob mir diese insgesamt überaus drastische Überzeichnung gefallen hat oder eine nuanciertere Herangehensweise dem Film besser getan hätte. Aber letztlich schließt sich das doch nicht gegenseitig aus. Die Drastik

Kinotagebuch: The Substance (2024)

GB, R: Coralie Fargeat, D: Demi Moore, Margaret Qualley, Dennis Quaid, Trailer, Wikipedia

Seit Jahren rauche ich nicht und trinke auch keinen Alkohol mehr. Jetzt komme ich aus dem Kino und finde, es ist ein guter Zeitpunkt, mit beidem wieder anzufangen.

THE SUBSTANCE gehört definitiv in die Kategorie „Die besten Filme, die ich nie wieder sehen möchte“ – begonnen beim Sound-Design, das bereits eine krass aggressive Körperlichkeit erzeugt, bevor der Body-Horror überhaupt so richtig auf 11 gedreht wird.

Hinterher habe ich auch länger überlegt, ob mir diese insgesamt überaus drastische Überzeichnung gefallen hat oder eine nuanciertere Herangehensweise dem Film besser getan hätte. Aber letztlich schließt sich das doch nicht gegenseitig aus. Die Drastik erweckt zunächst nur den Eindruck von plumper Direktheit, offenbart jedoch beim besonnenen Hinsehen – was bei diesen Bildern nicht immer einfach ist – dennoch eine Vielschichtigkeit.

Heruntergebrochen sehen wir hier eine Frau innerhalb eines Systems, in dem sie nur Fehler machen kann. Wer, mit welchen Mitteln auch immer, nicht gegen das Alter anarbeitet, wird fallen gelassen wie eine heiße Kartoffel. Gehst du den vom System als notwendig beschriebenen „Lösungen“ nach, mag das eine kurze Zeit lang Abhilfe schaffen, richtet dich aber letztlich umso mehr zugrunde. So oder so wird dir jegliche Würde genommen.

Meinen Spaß hatte ich mit den zahlreichen filmischen Querverweisen, angefangen bei der einem LSD-Trip gleichenden „Wiedergeburt“ aus 2001: A SPACE ODYSSEY über die ausschließlich männlichen Produktionsmitarbeiter, die sich den 2001-Affen vor dem Monolithen gleich um einen riesigen Bildschirm mit Margaret Qualleys Po scharen bis hin zum THE SHINING-Teppich im Backstage, dem Auftritt von Monstro Elisasue zu Richard Strauss’ Also sprach Zarathustra und dem CARRIE-Blutschwall ins Publikum.

Als heterosexuellem Mann wurde mir hier auch sehr regelmäßig der Spiegel vorgehalten. Denn bei aller selbst empfundener Aufgeklärtheit, bei allem Wissen über patriarchale Gefüge und strukturelle Diskriminierung von Frauen bedient dieser Film bewusst internalisierte, extrem tief verankerte Vorstellungen von Körpern, Schönheit und dadurch bedingtem Erfolg und lässt die dann durchsickernde Selbsterkenntnis in provozierendem Ekel aufgehen.

Die Executive Summary von THE SUBSTANCE: Das neue Musikvideo von Benny Benassi ist absolut wild.

★★★★☆

https://andrepitz.de/2024/09/21/kinotagebuch-the-substance-2024/

#CoralieFargeat #DemiMoore #DennisQuaid #Filme #Filmkritik #Kino #Kinotagebuch #MargaretQualley #TheSubstance

THE SUBSTANCE | Official Trailer | In Theaters & On MUBI Now

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A ★★★★ review of Love Lies Bleeding (2024)

Eine gelungene Variation des THELMA & LOUISE-Themas. In beiden Filmen gehört ein Auto, das in einen Abgrund fällt, zu den zentralen Momenten. In beiden Filmen wohnt diesem Moment ein Befreiungsschlag (von patriarchaler Gewalt) inne. Was Ridley Scott 1991 noch mit einer Prise Subversion erzählte, liegt bei Rose Glass nun offen auf der Hand. Und das ist nichts Schlechtes – ganz im Gegenteil. Denn vielleicht ist die Zeit der Subtilität auch einfach vorbei, wenn seit Jahrzehnten Menschen durch synthetische Drogen links und rechts sterben, Frauen im eigenen Haus halb oder ganz zu Tode geprügelt werden, in denen pro Monat mehr als 50

Kinotagebuch: Love Lies Bleeding (2024)

GB/US, R: Rose Glass, D: Kristen Stewart, Katy O’Brian, Ed Harris, Dave Franco, Jena Malone, Anna Baryshnikov, Trailer, Wikipedia

Eine gelungene Variation des THELMA & LOUISE-Themas. In beiden Filmen gehört ein Auto, das in einen Abgrund fällt, zu den zentralen Momenten. In beiden Filmen wohnt diesem Moment ein Befreiungsschlag (von patriarchaler Gewalt) inne. Was Ridley Scott 1991 noch mit einer Prise Subversion erzählte, liegt bei Rose Glass nun offen auf der Hand. Und das ist nichts Schlechtes – ganz im Gegenteil. Denn vielleicht ist die Zeit der Subtilität auch einfach vorbei, wenn seit Jahrzehnten Menschen durch synthetische Drogen links und rechts sterben, Frauen im eigenen Haus halb oder ganz zu Tode geprügelt werden, in denen pro Monat mehr als 50 sogenannte Mass Shootings (USA, Stand: Juni 2024) stattfinden und nichts, aber auch gar nichts passiert, um diese Probleme an der Wurzel zu bekämpfen.

Entsprechend balls to the wall ist LOVE LIES BLEEDING inszeniert. Es ist hochgradig beeindruckend, wie selbstbewusst und stilsicher Rose Glass hier die Zügel in den Händen hält, wie sie ohne mit der Wimper zu zucken die Bildsprache immer wieder radikal und in einem irren Tempo ändern, mit den Konventionen unterschiedlichster Genres spielen kann und trotzdem alles wie aus einem Guss wirkt.

Ohne Hemmung, ohne falsche Zurückhaltung und mit einer guten Portion Selbstironie sorgt der Film immer wieder für unangenehm dichte Spannungsmomente. Wie gut die funktionieren, war an den Lachern vieler Menschen um mich herum im Kinosaal – und auch bei mir selbst – auszumachen. Denn wirklich lustig war eigentlich nur sehr wenig. Hier wurde oft aus Verlegenheit gelacht, weil der Film mitunter Überforderung provoziert.

Außerdem: Was für eine krasse Erscheinung ist bitte Katy O’Brian?

★★★★☆

https://andrepitz.de/2024/07/18/kinotagebuch-love-lies-bleeding-2024/

#AnnaBaryshnikov #DaveFranco #EdHarris #Filme #Filmkritik #JenaMalone #KatyOBrian #Kino #Kinotagebuch #KristenStewart #LoveLiesBleeding #RoseGlass

Love Lies Bleeding | Official Trailer HD | A24

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