Frauen in der Wissenschaft: Dr. Esther Tobschall
read this article in EnglishDie Blogreihe „Frauen in der Wissenschaft“ stellt Frauen aus der TIB vor, die Einblicke in ihre Wege und ihre persönlichen Erfahrungen in der Wissenschaft geben. Dr. Esther Tobschall studierte Chemie an der Universität Hannover und forschte für ihre Dissertation zur NMR-, Impedanz- und Infrarot-Spektroskopie an nanokristallinem und glasigem Lithiummetaborat LiBO2 an einem festkörperphysikalischen Thema. Heute ist sie Fachreferentin für Physik an der TIB und ist dort vor allem für die Informationsversorgung von Physiker:innen verantwortlich. Im Interview spricht sie über die Ermutigung, Fragen zu stellen, das eigene Selbstverständnis und die Freude an der Forschung.
Dr. Esther Tobschall // Foto: TIB/C. BierwagenWas fasziniert dich an der Arbeit in der Wissenschaft?
Besonders gereizt hat mich an der wissenschaftlichen Arbeit, dass ich mich in ein Thema mit all seinen Aspekten einarbeiten und dabei in die Tiefe gehen durfte. Als ich mich für meine Dissertation mit nanokristallinen Substanzen beschäftigt habe, war die Forschung an Nanokristallen ein relativ neues Gebiet und wir konnten ausprobieren, mit welchen Messmethoden sich Wesen und Eigenschaften dieser Substanzen am besten erfassen und charakterisieren lassen.
Das Auswerten und Vergleichen der Messergebnisse unterschiedlicher Verfahren hat mir besonders viel Freude gemacht, weshalb mir meine Kolleg:innen dann auch ein Universalspektrometer für meinem Doktorhut gebastelt haben (in der Astronomie nennt man das heute Multi-Messenger-Beobachtung).
Auch mein Interesse an umfassender Literaturarbeit, den Recherchen und der Auswertung relevanter Paper sowie das Zusammenführen der Erkenntnisse, habe ich dabei entdeckt. Deshalb habe ich mir schon früh während meiner Promotionszeit den Weg ins Fachreferat an einer wissenschaftlichen Bibliothek als berufliche Perspektive vorgestellt.
Was hättest du als Frau in der Wissenschaft gerne früher gewusst?
Ich hätte mehr Ermutigung gebraucht: Die Ermutigung, dass ich Fragen nicht nur an mein zu untersuchendes Material oder Literatur stellen darf, sondern auch an erfahrene Forschende. Damals habe ich meine Zurückhaltung eher als Persönlichkeitsmerkmal gesehen und sie nicht auf Rollenmodelle zurückgeführt. Heute würde ich doch sagen, dass sich das größere Selbstbewusstsein meiner überwiegend männlichen Kollegen daraus gespeist hat, dass Männer seit Generationen selbstverständlich einen Platz im Wissenschaftsbetrieb hatten und Kommunikation in der Regel unter Männern stattfand, während wir wenigen jungen Frauen in der Physikalischen Chemie doch irgendwie noch Exotinnen waren. Ich muss betonen, dass es keine offene oder verdeckte Diskriminierung gab, der Faktor war schlichtweg die Selbstverständlichkeit.
Dieses Selbstverständnis ist auch heute noch in den Regeln für die Schlagwortkatalogisierung (RSWK) verankert: Ich ärgere mich jedes Mal, wenn ich regelkonform das Schlagwort „Physiker“ für Werke über Physiker und Physikerinnen vergeben muss. Das Schlagwort „Physikerin“ dagegen ist den Werken vorbehalten, die sich explizit mit Frauen in der Physik beschäftigen – was ist eigentlich mit Werken, die sich ausschließlich mit Männern in der Physik befassen? Immer dann, wenn es sich halbwegs vertreten lässt, vergebe ich natürlich beide Begriffe!
Welchen Rat würdest du Mädchen und jungen Frauen geben, die eine wissenschaftliche Laufbahn anstreben?
Es ist euer selbstverständliches Recht, Teil des Wissenschaftsbetriebes zu sein. Stellt das auch bei widrigen Bedingungen nie in Frage. Ich freue mich, dass es inzwischen in der Physik (auch mathematisch gesehen) unendlich mehr Professorinnen gibt, als zu meiner aktiven Zeit in der Forschung und diese mit ihrer Arbeit und ihrem Auftreten zum Vorbild werden. Ihr seid nur wirklich gut in dem, was euch Freude macht und wenn euch wissenschaftliches Arbeiten begeistert, werdet ihr – allen eventuellen Widrigkeiten zum Trotz – darin gut und erfolgreich sein. Folgt eurer Freude!
Ein Wunsch für die Zukunft von Frauen und Mädchen in der Wissenschaft …
Ich war die erste schwangere Forscherin an unserem Institut, habe meine Dissertation kurz vor der Geburt unserer Tochter eingereicht und die Prüfung wenige Monate danach absolviert. Ich wünsche mir also, dass für Wissenschaftlerinnen das Muttersein in Zukunft nicht mit so viel zusätzlichen Anstrengungen und starkem Durchsetzungsvermögen verbunden ist, wie es heute offenbar im Wissenschaftsbetrieb immer noch der Fall ist und damit zum Karrierekiller werden kann.
Interessant ist ja, dass forschende Männer in höheren Positionen häufig auch Väter sind, während bei forschenden Frauen Mutterschaft meinen Beobachtungen nach doch noch seltener ist. Dass die Vereinbarkeit von Beruf und Familie noch viel zu häufig als Thema von Frauen gesehen wird und nicht als Thema von Eltern, ist zwar ein allgemeines gesellschaftliches Problem, aber gerade unsere öffentlich geförderte Wissenschaftsstruktur hat das Potential, hier etwas vom Entweder-oder hin zum Sowohl-als-auch zu ändern. Wie stellte ich in einem Bewerbungsgespräch fest, als ich nach meiner Tochter und meinen Verpflichtungen als Mutter gefragt wurde: „Das Kind hat auch einen Vater!“
Frauen in der Wissenschaft – eine Blogreihe
In der Blogreihe „Frauen in der Wissenschaft“ werden Frauen an der TIB vorgestellt, die Einblicke in ihre wissenschaftlichen Wege, Rollenbilder und ihre Erfahrungen aus dem Arbeitsalltag geben. Sie alle teilen ihre Perspektive und ihre Wünsche für die Zukunft der Wissenschaft und ermutigen andere Frauen, ihren Platz selbstbewusst einzunehmen.
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