Kritik als Distanz. Zum epistemologischen Potenzial kritischer Wissenschaft
In ihrer Abschiedsvorlesung plädiert Monika Wohlrab-Sahr (2026) dafür, Distanz als wissenschaftliche Grundhaltung zu verstehen. Distanz als Passion ist es, was für sie, in Anspielung auf Niklas Luhmann, Wissenschaft ausmacht. Dabei konstatiert sie, dass diese Distanznahme nicht eine einheitliche Form haben muss. Vielmehr kann diese in unterschiedlichen wissenschaftlichen Zugängen durchaus unterschiedlich aussehen – etwa in der standardisierten Sozialforschung in einer Mathematisierung des Gegenstandes liegen, in qualitativer Forschung in einer physischen Entfernung von Feld und in „befremdenden“ Metaphern, wie sie etwa bei Goffman zu finden sind (Hirschauer & Amann 1997, Goffman 1959, Laube 2022).
Ich finde diesen Bezug auf Distanz als ein Leitmotiv der Wissenschaft durchaus treffend. Ich möchte aber eine Abgrenzung problematisieren, die sich bei Wohlrab-Sahr dabei andeutet, und die, glaube ich, ein typisches Motiv in den Sozialwissenschaften darstellt: Die Entgegenstellung von Distanz und Kritik.
Kritik, so der Gedanke, beruht auf einer normativen Involviertheit in den Gegenstand, die dann den distanzierten (und je nach lesweise damit: objektiven) Blick auf den Gegenstand verstellt. Ich möchte demgegenüber nicht etwa eine Deckung von Distanz und Kritik behaupten, sondern eine kontextspezifische Überschneidung, Verstärkung oder Abschwächung. In diesem Verständnis, kann Kritik auch eine Form der Distanznahme sein.
Die Gegenüberstellung von Distanz und Kritik findet sich bei Wohrab-Sahr in einer intellektuellen Biographie. Sie berichtet vom Anfang ihres Studiums der Theologie, mit weltverbesserischer Attitüde und Affinität zur Kritischen Theorie. „Ich wollte die Welt verändern und die Menschen aktivieren. Null Distanz“ (Wohrab-Sahr 2026: 192). Ihren Weg zur Soziologie und damit zur Wissenschaft beschreibt Wohrab-Sahr als eine „Distanzierung durch Forschung“ (Wohlrab-Sahr 2026: 194), als eine ‚Emanzipation von Kritik‘, wie man zuspitzend sagen könnte.
Ich finde die beschriebene Erfahrung durchaus plausibel. Es gibt Formen von Kritik, die den Gegenstand verstellen. Es gibt ‚kritische Forschung‘, die sich als Bestätigungswissenschaft für die Unterstützung der richtigen Haltung geriert. Solche Forschung untersucht präferiert nur solche Gegenstände, bei denen man sich sicher sein kann, dass ‚richtige‘ Ergebnis zu erzielen. Allerdings gibt es solche Forschung natürlich auch bei jenen, die wollen, dass die Gesellschaft genau so bleibt, wie sich ist. Und zudem ist eine aus dieser Erfahrung abgeleitete generelle Gegenüberstellung von Kritik und Distanz eine, wie mich meine: falsche, Universalisierung.
Denn der oben genannte Schluss „Ich wollte die Welt verändern und die Menschen aktivieren. Null Distanz.“ ist ja zugleich überzeugend und nicht überzeugend. Denn, die Welt verändern zu wollen, stellt ja durchaus eine Distanz dar – eine Distanz zum So-Sein der Gesellschaft. Und gerade dies kann eine produktive Distanz sein, denn die von Hirschauer und Amann benannte „Befremdung der eigenen Kultur“ kann sich ja auch aus einer politischen Entfremdung nähren. Während Wohlrab-Sahr ihren Weg zur Forschung als eine Überwindung der Kritik erzählt, ließe sich auch ihn ihrer Biographie fragen, inwiefern die Kritik nicht zumindest als Durchgangspunkt auch Vorbereitung einer veränderten Distanznahme war.
Letztlich deutet sich in dieser Frage an, dass es vermutlich sinnvoll ist nicht vom „Code der Distanz“ (Wohrab-Sahr 2026: 187) zu sprechen, um die Wissenschaft oder speziell Soziologie zu charakterisieren, sondern von multiplen Distanzen, einer Intersektion von Distanzen. Kritik steht, so meine ich, niemals einfach auf der Seite der Distanz, noch ihr gegenüber, sondern ist immer durch spezifische Distanzen und Involviertheiten geprägt (und man müsste hier wohl genau so wie von Distanzen auch, genau in dieser Hinsicht, eher von Kritiken sprechen). Zu fragen ist also, wie sich Kritik zum Gegenstand verhält, und inwiefern diese auch eine epistemologische Öffnung des Gegenstands mit sich bringt. Dabei ist es ja eine Grundeinsicht kritischer Theorie, dass Kritik selbst immer im Spannungsverhältnis steht zwischen einer Kontinuität mit der Gesellschaft, aus der ihre normativen Gründe stammen, und einem Bruch mit ihr und ihren Normen. Schon Marx hat diese Verstrickung ja zu Beginn des „Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte“ thematisiert, wenn er betont, dass die Menschen die Geschichte zwar machen, aber „nicht aus freien Stücken“ (Marx 2017).
Wenn davon gesprochen wird, wie eine kritische Haltung möglicherweise den Blick auf den Gegenstand verengt, lässt sich andererseits auch fragen, inwieweit auch Distanz den Gegenstand verschließen kann. Und zumindest aus der Perspektive einer qualitativen Sozialforschung, für die Wohlrab-Sahr nicht zuletzt steht, ist dies ja ein typischer Anwurf gegen die standardisierte Sozialforschung ebenso wie gegen empirieferne Makrosoziologien – dass diese in ihrer Distanz vom Gegenstand nur noch mit Zerrbildern sozialer Tatsachen umgehen und so an der sozialen Realität, die sie erfassen wollen, vorbeiforschen. Es geht hier also letztlich um eine Dialektik von Nähe und Distanz, bei der Kritik und Distanz jeweils sowohl Ressource für ein Näheverhältnis sein kann als auch für Distanz vom Gegenstand.
Für kritische Wissenschaft, die sowohl Kritik als auch Wissenschaft ernst nimmt, kommt es darum in meiner Perspektive drauf an, spezifische Distanzen und spezifische Involviertheit fruchtbar zu machen – dies hat nicht nur ein transformatives Potential, sondern auch ein epistemisches, eben weil Kritik immer eine Spezifische Verschlingung von Distanz und Nähe impliziert.
Literatur:
Goffman, Ervin 1959: The Presentation of Self in Everyday Life, New York: Doubleday.
Hirschauer, Stefan/Amann, Klaus 1997: Die Befremdung der eigenen Kultur. Ein Programm, in: Stefan Hirschauer/Klaus Amann (Hg.): Die Befremdung der eigenen Kultur, Frankfurt a. M.: Suhrkamp, S. 7-52.
Laube, Stefan 2022: Darstellung, in: Karl Lenz/Robert Hettlage (Hg.): Goffman-Handbuch. Leben – Werk – Wirkung, Berlin: J. B. Metzler, S. 189-194.
Marx, Karl: Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte. Kommentar von Hauke Brunkhorst, Frankfurt a. M.: Suhrkamp.
Wohlrab-Sahr, Monika 2026: Distanz als Passion – Soziologische Reflexion und Selbstversuch, in: Soziologie, 55, 2, S. 183–199.
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