Air India 171 Absturz: Der Bericht fehlt, die Fragen bleiben

Manchmal entscheidet in der Luftfahrt nicht eine Minute über Wahrheit und Irrtum, sondern eine Handvoll Sekunden. Im Fall des Absturzes von Air India Flug AI171 rückt nun genau diese winzige Zeitspanne erneut ins Zentrum: Wann fuhr die Ram Air Turbine aus — und geschah das wirklich erst als Folge der abgeschalteten Treibstoffzufuhr?

Ein Jahr nach dem Unglück hat das indische Aircraft Accident Investigation Bureau, kurz AAIB, am 12. Juni 2026 statt des geforderten Abschlussberichts erneut nur eine knappe Zwischenmitteilung veröffentlicht.

Darin verweist die Behörde auf eine umfassende und sorgfältige Untersuchung technischer, operativer, organisatorischer und menschlicher Faktoren. Unterstützt werde das Team von akkreditierten Vertretern, technischen Beratern und Fachleuten relevanter Organisationen. Nach Angaben der Behörde wurden Flugzeugsysteme, Flugschreiberdaten, Triebwerkskomponenten, Wartungs- und Betriebsunterlagen sowie weiteres Beweismaterial untersucht. Die Ergebnisse würden nun in einer umfassenden und integrierten Analyse zusammengeführt.

Was die Mitteilung jedoch nicht liefert, sind Antworten auf jene Fragen, die bereits der vorläufige Bericht offenließ. Vor allem eine technische Sequenz sorgt weiter für Streit: die Auslösung der Ram Air Turbine, kurz RAT. Dieses kleine Notstromaggregat fährt bei schweren Energie- oder Hydraulikproblemen aus und wird vom Fahrtwind angetrieben.

Der vorläufige Bericht hatte festgehalten, dass die Signale der Treibstoffschalter der beiden Triebwerke kurz nach dem Abheben von RUN auf CUTOFF wechselten. Dadurch wurde die Treibstoffzufuhr zu den Triebwerken unterbrochen. Die Ram Air Turbine begann laut den bekannten Daten 4 Sekunden später hydraulische Leistung zu liefern. Genau diese Abfolge ist nun Gegenstand neuer Kritik.

Simulatorversuche, die im Rahmen einer Untersuchung eines in den USA ansässigen Anwalts durchgeführt wurden, der Familien von 135 Opfern vertritt, kommen zu einem brisanten Ergebnis: Nach dem Bewegen der Treibstoffschalter auf CUTOFF dauere es demnach zwischen 14 und 18 Sekunden, bis die RAT hydraulische Leistung liefern könne, wenn sie durch Ausschalten der Triebwerke ausgelöst worden wäre.

Sollten diese Simulatorergebnisse belastbar sein, würde das eine zentrale Annahme erschüttern: Dann wäre die RAT nicht als direkte Reaktion auf die vermeintliche Schalterbewegung ausgefahren. Vielmehr könnte ihr Ausfahren ein Hinweis darauf sein, dass bereits zuvor ein anderes Problem im System vorlag.

Der Anwalt formulierte es entsprechend deutlich: Das Ausfahren der RAT sei ein Symptom für etwas anderes. Damit steht eine unbequeme Frage im Raum: Wenn die RAT bereits vor der registrierten CUTOFF-Bewegung draußen war oder ihr Ausfahren schon vorher ausgelöst wurde — warum?

Offiziell beantwortet ist diese Frage bislang nicht.

Die indische AAIB betont, dass zusätzliche technische Bewertungen und Spezialuntersuchungen fortgesetzt würden, wo immer sie erforderlich seien. Alle Feststellungen und Schlussfolgerungen müssten durch überprüfte Beweise und eine fundierte wissenschaftliche Analyse gestützt werden.

Diese Zurückhaltung ist in der Flugunfalluntersuchung grundsätzlich nachvollziehbar.

Zugleich wächst mit jedem weiteren Monat der Druck der Angehörigen und der Menschen, die weiterhin mit B787-Flugzeugen fliegen, endlich zu erfahren, was im Cockpit, in den Systemen und in den Triebwerken tatsächlich geschah.

US-Medien berichten zudem, dass im April 2026 weitere Triebwerkstests durchgeführt wurden und Ermittler der indischen AAIB dafür nach Frankreich reisten. Dabei soll es unter anderem um die Analyse der Triebwerke und der zugehörigen Steuerungseinheiten gegangen sein. Ein Abschlussbericht wird demnach erst nach Auswertung dieser Untersuchungen erwartet. Ob ein solcher Bericht tatsächlich innerhalb weniger Monate vorliegt, bleibt offen.

Damit steht der Fall AI171 ein Jahr nach dem Absturz weiterhin zwischen Daten, Deutungen und offenen technischen Fragen. Sicher ist bisher nur: Der vorläufige Bericht hat eine dramatische Abfolge beschrieben. Die neue Kritik konzentriert sich nun darauf, ob diese Abfolge vollständig erklärt, warum ein fast neuer Langstreckenjet Sekunden nach dem Abheben in eine Katastrophe geriet.

Denn wenn die Zeitlinie der Ram Air Turbine tatsächlich nicht zur Theorie einer reinen Reaktion auf die Treibstoffschalter passt, dann ist sie mehr als ein technisches Detail. Dann steht die entscheidende Ursache des Unglücks noch immer nicht fest.

Der Absturz von Air India Flug AI171 am 12. Juni 2025 forderte insgesamt 260 Todesopfer; ein Mensch an Bord überlebte. Die vorläufigen Ermittlungen erwähnten die Transition beider Treibstoffschalter von RUN auf CUTOFF kurz nach dem Start, ordneten aber keine endgültige Ursache oder Schuld zu.

Noch immer nicht klar ist, ob damit die physikalische Bewegung oder das irgendwo gemessene Signal gemeint ist.

Was natürlich Spekulationen und Behauptungen wie eh und je anheizt.

Alle FlugundZeit-Beiträge zum Air India B787 Crash vom 12. Juni 2025

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